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Berlin - Indien

Mit dem Tandem auf der weltberühmten antiken Seidenstraße

von Britta Meißner und Oliver Büttel

Mit dem Tandem auf der weltberühmten antiken Seidenstraße (von Britta Meißner und Oliver Büttel).

Sieben Monate, 11.000km, 15 Länder und tausende von Menschen. Endlich in Indien. Das Taj Mahal in Agra liegt vor uns. Die Zeit ist rum - wir packen unser knallrotes Tandem wieder ein und fliegen nach Hause, ein trauriges Gefühl macht sich breit.

Angefangen hat alles in Berlin-Zehlendorf am 25. März 1995. Schneetreiben, 6°C und 40 Kilo Gepäck in teilweise selbstgenähten Satteltaschen. Die erste Etappe dauerte nur vier Wochen und führte uns im Eiltempo über Südost-Europa bis Istanbul, zum Ausgangspunkt der antiken Seidenstraße.

Berlin Indien mit dem RadVorbei an Pamukkales Kalksteinterrassen im Südwesten Anatoliens besuchten wir das Mevlana Kloster in Konya bis hin zur bizarren Tufflandschaft von Kappadokien. Gut erhaltene Jahrhunderte existierende Felsenwohnungen, Kirchen und Tunnelanlagen faszinieren ebenso, wie die von Wind und Wasser geprägte vulkanische Landschaft inmitten Zentralanatoliens. Zwischen Irans Grenze am 5500m hohen Berg Ararat und uns lag nun türkisch Kurdistan. Fünf Tage begleiteten uns Militärkontrollen, vor allem aber gastfreundliche Menschen. Am 300 Jahre alten Isaak Pasha Serail in Dogubeyazit vis à vis des mächtigen Berges Ararat nahmen wir Abschied von der Türkei. Selbst an der Grenze reichte man uns noch türkischen Cay (Tee) - typisch Türkei.

Angst und Ungewißheit - der Iran. Sind die Frauen so verschlossen wie verschleiert? Unsere Hinter schmerzten, das Tandem war kaputt. Doch Landschaft, blau gekachelte Moscheen aus tausend und einer Nacht sowie Einheimische ließen uns schwärmen. Freundlich, hilfsbereit und offen - Menschen wie aus einer anderen Welt , mindestens aber einer anderen Kultur. Bei täglichen 120km reichte man uns Tee und Melonen aus fahrenden Autos.

In Teheran standen wir vor dem Problem in einem vom Chaos beherrschten Postamt unser Paket mit Ersatzfelgen zu finden. Für einen nicht deutsch sprechenden Perser in Deutschland sicher eine unlöbare Aufgabe. Nicht so im Iran: ein Postangestellter beendete kurzerhand die Schalterstunde und bat die wartenden Kunden doch nach Hause zu gehen oder später wieder zu kommen. Alle hatten Verständnis dafür, daß der einzige englischsprachige Angestellte zwei Gästen helfen wollte!

Ein Land voller Gegensätze: Auf der einen Seite die Ruinen des achämenidischen Persepolis von 600 vor Christi und Isfahans imposante Immam Moschee aus dem 17. Jahrhundert. Unter der Herrschaft des Schah bis zur Islamischen Revolution 1979 noch bekannt als Schah Moschee. Beide Bauwerke sind von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestuft. Auf der anderen Seite moderne Büroarchitektur der Hauptstadt Teheran und von Kopf bis Fuß verschleierte Frauen. Iran - von westlichen Einflüssen geprägter islamischer Gottesstaat

Ab der nächsten Grenze wird alles ganz anders. Keiner spricht mehr Englisch, wir leider kaum Russisch. Vier Millionen Menschen zählt die ehemalige Sowjet- und Wüstenrepublik Turkmenistan. Die Seidenstraße führt uns über unzählige Wüstenkilometer schnell nach Usbekistan und bereitet uns einen farbenprächtigen Empfang in Bukhara. Dann folgt Tamerlans Hauptstadt des 15. Jahrhunderts und Zentralasiens architektonisches Juwel, der Registan von Samarkand. Mit seinen drei Koranschulen steht diser Platz für ein Zentrum islamischer Herrschaft aus vergangenen Zeiten. Nach und nach sorgen Restauration und freie Entfaltung des islamischen Glaubens für eine Wiederauferstehung der lange unterdrückten Religion im sozialistisch regierten Zentralasien. Traumhafte Fayencen zieren die Koranschulen an diesem einzigartigen Platz. Das kulinarische Angebot dagegen wird immer fader, je weiter wir der Seidenstraße Richtung Osten folgen. Im 2. Jahrhundert vor Christi erlebte diese Handelsverbindung vom indischen Subkontinent am Rande der europäischen Metropolen ihren Höhepunkt. Noch heute bestimmt sie die Straßenführungen von teilweise asphaltierten Verkehrswegen. Über Zentralasiens Wirtschaftszentrum Tashkent (Usbekistans Hauptstadt) und das heiße Ferganatal fliehen wir in die kühlen kirgisischen Hochlandsteppen. Nomaden in ihren Yurten (runde weiße Zelte) bieten uns Platz zum übernachten. Während der übrigen Nächte wird unser auffällig gelbes Zelt immer mehr zum Treffpunkt. Hände und Füße helfen bei der Kommunikation.

Die Schotterpisten schlängeln sich durch Täler und Schluchten eines äußerst urwüchsigen schroffen Gesteinsgebirges. Bis an die chinesische Grenze am 3800m hohen Torugart Paß im Bergmassiv des Tien Shan brauchen wir zwei Tage für 180 Kilometer über Waschbrett- und Steinpisten.. Einen Tag kostet uns die für Individualreisende, erst recht aber für Radfahrer gesperrte Grenze. Eine Reisegruppe aber bringt uns die Erlösung. Der Gruppenleiter schreibt uns auf die Teilnehmerliste und schiebt unser Tandem am Zollhaus vorbei in einen Busch.

Weiter geht es in die Oasenstadt Kashgar. Hauptstadt der autonomen Provinz Xinjiang. Ein brodelnder Sonntagsmarkt, Touristen zwischen tausenden einheimischen Uighuren. Diese moslemische Bevölkerung versteht glücklicherweise einige unserer Türkischbrocken, die uns seit Istanbul bis hier nach Kashgar im gesamten Turkgürtel die Verständigung einigermaßen ermöglichten. Eine Woche nehmen wir uns Zeit zum Regenerieren, Essen und Plaudern. Endlich wieder ein paar Worte in Deutsch oder Englisch mit den zahlreichen Travellern wechseln. Das tut gut nach den Wochen der Zeichensprachen-Kommunikation.

Berlin Indien mit dem RadVor uns liegt der wirkliche Höhepunkt der Reise. Auf dem weltberühmten Karakorum Highway geht es Richtung Pakistan. Die Grenze bildet der knapp 4800m hohe Khunjerab Paß. Schlaflose Nächte und menschenleere Landschaften bis wir den Gipfel erklimmen. Ein wirklich überragendes Gefühl in knapp 5000m Höhe mit dem Fahrrad zu stehen, nur der spärliche Sauerstoff verhindert einen längeren Aufenthalt dort oben. Nun heißt es schnell an Höhe verlieren, um die Kopfschmerzen erträglich zu halten. Aus dem seichten Pamir Gebirge tauchen wir ein in die tiefen Schluchten des Karakorums - Teil des mächtigen Himalaya-Massivs. Bergstürze versperren Straßen, neugierige Menschen und Krankheiten verlängern die Abfahrt bis in die pakistanische Hauptstadt Islamabad. 1969 am Reißbrett entstanden, erbaut für Diplomaten , doch verfallen wie so viele Städte auf dem indischen Subkontinet. 125 Millionen Einwohner im Gottesstaat verbreiten eine für uns gewöhnungsbedürftige Hektik in Siedlungen und auf Straßen. Grand Trunk Road - die größte und wichtigste Handelsstraße der Region. Von Kabul in Afghanistan über Lahore und Delhi bis Kalkutta in Ost-Indien donnern die bunt verzierten pakistanischen Trucks.

Auf unseren letzten 1.000km folgen wir ihr. Pakistans kulturelles und heimliches Zentrum Lahore fasziniert mit seinen architektonischen Leckerbissen: Aurangzeb, letzter Mogulkaiser, und seine 300 Jahre alte Badshahi Moschee beeindrucken Touristen und gläubige Einheimische gleichermaßen. Ebenso die Britischen Museen und Bibliotheken aus noch nicht allzu lang vergangener Kolonialzeit. Postmoderne Bauten wie der Summit Turm im Stadtzentrum sollen den Aufschwung des islamischen Staates signalisieren.

Das letzte Land unserer Reise liegt vor uns - Indien. Ein Empfang nach Maß! Amritsar, Heiligtum und Pilgerstätte der indischen Sikhs. Mit einem Prozent viertgrößte Religionsgemeinschaft im multikulturellen Indien. Ein Leben ohne Friseur gehört ebenso zum gläubigen Sikh wie Gastfreundschaft. Betten und Verpflegung für jedermann stehen Besuchern im Goldenen Tempel von Amritsar zur Verfügung - aber bitte gegen Spende! Vorbei an Corbusiers Retortenstadt Chandigarh in das größte denkbare Chaos auf Erden. Mit vielleicht 12 Millionen Menschen (wer weiß das schon genau?) und sicher ebenso vielen Tieren ist Delhi eine der dichtesten Ansiedlungen seiner Art. Radfahren wird zum Überlebenskampf, wo Busse, Trucks, Autos, TukTuks (dreirädrige Taxen), Rickschas und Kühe absolute Vorfahrt genießen.

Mit dem letzten Sauerstoff flüchten wir aus der hoffnungslos versmogten indischen Hauptstadt. Zwei Tage später sind wir am Ende. Am Ende einer langen, für uns einmaligen und wahrhaft traumhaften Reise.

Kristallklarer weißer Marmor strahlt uns vom Taj Mahal in Agra entgegen. 1631 zu Ehren seiner geliebten Mumtaz Mahal ließ Mogulkaiser Shah Jahan dieses einzigartige Bauwerk in 22 Jahren errichten. Der Abschied fällt schwer, doch nach 200 Tagen und 11.000km auf dem Tandem bestimmt das Flugzeug gen Heimat erstmals unseren sonst so flexiblen Zeitplan...