bikeguide.de | Tourenberichte | Transalp 2/1998
Transalp 2/1998
Von Gries am Brenner nach Riva del Garda
(von Ma. Michael Walk und Dr. Andreas Kronabitleitner)
Samstags um 17.00 Uhr starten wir von Linz in Michis Mercedes Richtung Gries am Brenner, dem Ausgangspunkt unserer Alpenüberquerung. Dies wird mein zweiter Transalp im Jahr 1998 und meine insgesamt vierte Überquerung. Überwiegte bei den ersten beiden am Tag der Anreise noch die Nervosität und die Ungewißheit, ob die Kondition für dieses Unterfangen ausreichen wird, so sind diese nun routinierter Selbstsicherheit betreffend das Leistungsvermögen und ungetrübter Vorfreude auf die zu erwartenden Strapazen und das intensive Naturerlebnis gewichen. Als wir in Gries aus dem Auto steigen ist es viel zu kalt für Ende August. Ich muß mir schon einen Winterpullover überziehen. Im Gasthaus, in dem wir übernachten werden, essen wir noch mal ordentlich Kohlehydrate in Form eines leckeren Kaiserschmarrns.
1. Tag: Gries - Sattelbergalm - Brenner - Brixen - Villnößtal, 1.650 Hm, 77 km
Das Frühstück im Gasthof ist nicht wirklich beeindruckend. Dafür die Kälte, die draußen vor der Tür über uns hereinbricht. Es hat hier sicher nicht mehr als 3 bis 4 Grad über Null. Die Berge am Alpenhauptkamm, über den wir heute drüber wollen, sind weiß angezuckert. Gemeinsam mit dem Sonnenschein ein richtiges Postkartenmotiv, für den Start einer Alpen-überquerung aber wenig motivierend. So packen wir uns erst einmal ordentlich ein. Lange Hose, Jacke, Haube und Handschuhe mit langen Fingern erscheinen uns jetzt gerade richtig. Wir schwingen uns auf die Bikes und beginnen, zwar leicht unterkühlt aber mit um so größerer Erwartung ob des Kommenden, zu treten. Der Rhythmus ist gleich am Morgen schon recht gleichmäßig, was natürlich auch auf die schon einigermaßen große Kilometerleistung dieses Jahres, sowohl bei Michi als auch bei mir, zurückzuführen ist.
Wir zweigen noch in Gries von der Brennerbundesstraße Richtung Vinaders ab. Mit den ersten hundert Höhenmetern weicht auch die Kälte aus den Gliedern. So können wir bereits bei der Kirche von Vinaders die langen Hosen und Jacken im Rucksack verstauen. Den Rucksack habe ich diesmal schon mit schlafwandlerischer Sicherheit gepackt. Ich weiß schon genau, welche Ausrüstungsgegenstände ich mitnehme und welche meiner Leibchen die leichtesten sind. Oberste Priorität gilt nämlich immer dem optimalen Gewicht des Rucksackes. Und das liegt bei 5,5 bis 6 kg. Weniger wäre leichtsinnig, weil man auf zu viele wichtige Dinge verzichten müßte und mehr würde lange Bergauffahrten oder knifflige Downhills nur unnötig erschweren.
Hinter der Kirche von Vinaders beginnt ein extrem steiler Asphaltanstieg Richtung Sattelbergalm, der erst nach rund einem halben Kilometer erträglicher wird. Erstmals pedaliere ich mit Kniewärmern, die ich mir gestern aus einem alten Verband zurechtgeschnitten habe. In letzter Zeit hatte ich nämlich bei kühler Witterung und mit kurzer Radhose immer Knieschmer-zen. Das dürfte sich so vermeiden lassen. Nach 2 km geht der Asphaltweg in Schotter über. Beim langen Aufstieg bieten sich uns linkerhand immer wieder Tiefblicke auf die Brennerauto-bahn. Die Sattelbergalm ist bald erreicht. Wir kehren aber nicht ein, sondern fahren gleich weiter Richtung Steinalm, die wir auf einem Waldpfad erreichen. Hier heroben treffen wir auch den ersten Wanderer des heutigen Tages
Am Weg zur Steinalm passieren wir die Staatsgrenze zu Italien. Nur einer interessiert sich dafür. Und zwar eine Kuh, die ihre Chance auf eine salzige Nahrungsergänzung wittert. Zielstrebig steuert sie auf mich zu und beginnt auch gleich, genüßlich den Schweiß von meiner Wade zu schlecken. Michi fotografiert sie dabei. Dann setzen wir unsere Fahrt über einen anspruchsvollen Singletrail fort. An einer Wegzweigung glauben wir, noch bergauf zu müssen. Erst nach ca. 100 zusätzlichen Höhenmetern bemerken wir unseren Irrtum und kehren um. Der richtige Weg führt uns bergab Richtung Brennerbundesstraße. Hinter einer Wegkehre stehen wir plötzlich unvermutet und direkt über der Brennergrenze, die jetzt 300 Höhenmeter unter uns liegt. Die Blechkarossen, die sich hier durchwälzen, erinnern mich an die Autoschlangen, die ich als Kind immer mit meinen Matchbox-Autos gebaut habe. Wir sehen uns das Treiben kurz an und freuen uns darüber, hier mit unseren Bikes und von unserer eigenen Muskelkraft angetrieben, unterwegs zu sein.
Der Weg bergab verlangt ob seiner Steilheit von unseren Bremsen volle Leistung. Enge Spitzkehren erfordern vorsichtiges Steuern. Als wir die Bundesstraße erreichen, wundere ich mich über die Massen von Radrennfahrern, die hier unterwegs sind. Wir sind mitten in den Ötztal-Radmarathon mit sagenhaften 5.500 Höhenmetern und 230 Kilometern geraten. Gemeinsam mit den Radrennfahrern brausen wir bergab bis Sterzing. Angenehme Nebenerscheinung sind dabei die von der Polizei abgeriegelten Kreuzungen. In Sterzing bremsen wir ab und ziehen uns wieder einmal die warmen Klamotten aus. Hier hat es bereits recht angenehme Temperaturen. Wir nützen die Pause, um die Rennfahrer ordentlich anzufeuern. Michi und ich rollen in die Altstadt von Sterzing und steuern ein Straßencafe an, in dem wir im Sonnenschein die ersten Cappuccini zu uns nehmen. Nach einer halben Stunde Pause geht’s weiter Richtung Brixen.
Auf der Bundesstraße sind noch immer Radrennfahrer unterwegs. Hinter Sterzing will die Poli-zei auch uns Richtung Jaufenpaß einweisen. Wir wollen aber geradeaus weiter Richtung Süden. Nach einigen Kilometern im Verkehr biegen wir rechts ab und fahren auf einem Höhensträßchen parallel zur Bundesstraße und Autobahn bis Grassenstein. Dort wechseln wir wieder auf die Bundesstraße zurück. Vor uns sehen wir die beiden Inlineskater, die wir bereits vom Brenner runter überholt haben. Diesmal fragen wir sie, wohin sie unterwegs seien. Sie erzählen uns, daß sie vom Starnbergersee zum Gardasee wollen. Diese Tour wird von etlichen Firmen gesponsert. Beispielsweise hat ihnen Mercedes einen Begleitbus zur Verfügung gestellt, der von einem Mädel gesteuert wird. Der deutsche Privatsender SAT 1 hat den ersten Tag der Tour gefilmt und berichtet darüber. Wir fahren gemeinsam mit ihnen die 35 km bis Brixen. Dabei geht’s zumeist leicht bergab, wobei sie sich bei steileren Passagen an unseren Rucksäcken abstützen, um ihre Bremsgummis zu schonen. Über einige Gegenanstiege ziehe ich einen der beiden hinauf. Das geht ordentlich in die Waden. In Brixen trinken wir noch gemeinsam Kaffee, wobei wir uns über Mountainbikes unterhalten. Einer der beiden hat nämlich in Weiden bei Regensburg einen Bikeshop.
Von Brixen rollen wir am linken Eisackufer einen Schotterweg entlang bis Albeins. Dabei kommen wir an einer Apfelplantage vorbei. Ich probiere alle Apfelsorten und esse zwei irre saftige Früchte, die mich aber später bergauf ordentlich im Magen drücken. Hinter Albeins geht’s nämlich auf Schotter äußerst kräftig hoch bis Teis. 500 Höhenmeter, die über eine Steigung von 23 bis 25 Prozent erkämpft werden müssen. Unser heftiges Schwitzen wird mit bewundernden Blicken von einigen Wanderern, die hier unterwegs sind, begleitet. Hinter einem großen Bauernhof wird der Weg zum Singletrail, der aber nicht mehr fahrbar ist und so die erste Schiebeetappe unserer Alpenüberquerung darstellt. Am höchsten Punkt ziehen wir uns eine Jacke über und setzen den Helm auf. Ab jetzt geht’s auf einem schmalen Weg über Wurzeln bergab bis Miklaz. Als wir aus dem Wald rauskommen bietet sich uns ein imposanter Blick auf die Geislergruppe, deren markante Spitzen in der Abendsonne leuchten. Wir müssen nochmals auf Asphalt 100 Höhenmeter bergauf, bis es endlich bergab nach St. Peter im Villnößtal geht. Dabei kommen wir an einem mondänen Berghotel in aussichtsreicher Position über dem Villnößtal vorbei, wo wir auch gleich nach freien Zimmern fragen. Vor dem Duschen gibt es auf der Terrasse des Hotels noch eine herrliche Halbe Forst-Bier. Obwohl der heutige Tag landschaftlich noch eher unterdurchschnittlich zu bewerten war, können wir mit der Höhenmeter- und Kilometerleistung zufrieden sein. Dementsprechend esse ich beim Abendessen auch gleich die doppelte Portion Nudeln.
2. Tag: Villnößtal - Broglessattel - Grödnertal - Seiser Alm, 2.350 Hm, 40 km
Das Frühstück heute morgen ist wirklich eine Wucht. Vor allem gibt es einige Sorten Müsli zur Auswahl, was ich bei einer solchen Tour besonders schätze. Wir starten um 9.00 Uhr. Vorerst geht’s kurz bergab bis zur Hauptstraße um gleich 200 Höhenmeter bis St. Magdalena zu steigen. Michi beginnt für meinen Geschmack in einem etwas zu hohen Tempo. Das rächt sich meist am Ende des Tages. So bleibe ich an seinem Hinterrad, um ihn so etwas zu bremsen. In einer Linkskehre der Bundesstraße zweigt der Schotterweg zur Gschnagenhartalm ab. Hier treffen wir auf fünf deutsche Biker, die für die nächsten Stunden den selben Weg wie wir haben. Obwohl wir im Normalfall ein deutlich höheres Tempo anschlagen, fahren wir die ersten Kilometer gemeinsam hoch. Dabei zeigt sich, daß die Welt durch das Internet tatsächlich zum Dorf wird. Wir unterhalten uns über verschiedene Transalprouten und ich erzähle, daß ich vor vier Wochen eine Tour von St. Anton nach Riva gefahren bin, bei der ich einige Tages-etappen selbst ausgearbeitet habe und die Route dann in einer Newsgroup im Internet veröffentlicht habe. Darauf meint einer der fünf: "Dann bist Du also der Andreas?"
Nach den gemeinsam bewältigten Höhenmetern versuchen Michi und ich, wieder unseren Rhythmus zu finden und pedalieren wieder gleichmäßig und zügiger weiter. Auf 1.900 Meter Höhe kommen wir zu einem Steilstück, von dem es in der Beschreibung hieß, daß es für die meisten zu steil und nicht fahrbar sei. Ich habe gestern Abend schon zu Michi gesagt, daß dies die richtige Aufforderung ist. Rund 80 Höhenmeter sind mit einer Steigung von gut 28 Prozent zu überwinden. Während ich hochtrete muß ich mich zwar ordentlich anstrengen, aber der Vorderreifen bleibt fest am Untergrund kleben. Ich bin fast versucht, die Beschreibung als lächerlich zu qualifizieren. Bei uns zu Hause sind Richtung Grünburgerhütte auf der steilsten Forststraße Österreichs bei solch einer Steigung fast 200 Höhenmeter zu überwinden und das auf gröberen Untergrund. Ständig kämpft man dort mit einem sich aufbäumen wollenden Vorderrad. Ein kleiner Kieselstein reicht meist aus, um einen aus der Spur zu werfen. Auf den letzten Metern sind dort die Lungenflügel zum Zerreißen gespannt. Nur wenige in unserer Region treten diesen Steilabschnitt durch. Dieses Training bringt natürlich das erforderliche Geschick, um einzelne Stiche zu bewältigen. Oben am Kamm ist die Gschnagenhartwiese mit faszinierendem Blick auf die imposante Geislergruppe erreicht. Ich warte auf Michi, der das Steilstück ebenfalls im Sattel bewältigt hat. Gemeinsam genießen wir den Ausblick auf die mächtigen Felsspitzen, die wir gestern noch aus der Ferne in der Abendsonne funkeln sahen.
Nach einer kurzen Fotopause nehmen wir den Adolf-Munkel-Weg um zur Broglesalm zu gelangen. Er erweist sich als Traumtrial, allerdings mit einigen Schiebe- und sogar Tragepassagen. Bei einer schwierigen Bergabpassage über Steinplatten steigt Michi über den Lenker ab. Zum Glück ist ihm nichts passiert. Nach einigen weiteren kniffligen Passagen und einer Bachquerung erreichen wir die Broglesalm auf 2.015 Metern. Hier sitzen bereits 6 Biker in der Sonne und wieder zeigt sich, wie klein die Welt eigentlich ist. Einer von ihnen meint: "He, Du hast ja ein Hrinkow-Bike, bist Du aus Steyr, Linz oder Reichraming?" Ich antworte, daß ich aus Steyr komme. Vier von ihnen sind auch Steyrer. Während der Unterhaltung erkundigt sich einer von ihnen, ob ich vielleicht in Linz bei der VKB-Bank arbeite. Als er nämlich Alexander Hrinkow nach der Beschreibung für diese Tour fragte, antwortete dieser: "Ruf den Andi Kronabitleitner bei der VKB in Linz an, der kennt alles in den Alpen!
Den Aufbruch Richtung Grödnertal machen Michi und ich aber noch nicht mit, weil wir vorerst etwas trinken und unsere beim Frühstück vorbereiteten Vinschgerl essen wollen. Nach einer halben Stunde Pause schwingen auch wir uns wieder in den Sattel. Hinter der Hütte geht es über Steinplatten extrem steil hoch zum Broglessattel auf 2.145 Metern. Zudem sind hier jede Menge Wanderer und Spaziergänger unterwegs. Von St. Ulrich führt nämlich eine Seilbahn hier hoch. Das durchwegs ältere Publikum ist aber von unserem Kampf gegen die Steinplatten sichtlich fasziniert. Mit aufmunternden Worten versuchen sie uns zu unterstützen. In der Mitte des Steilstücks befindet sich ein Gatter, an dem ich absteigen müßte. Ein Wanderer hält mir das Tor aber auf und meint zu seinen Kollegen, er sei jetzt neugierig, ob ich das schaffe. Ich habe aber sogar noch genug Luft, um mich artig zu bedanken. Tatsächlich ist es so, daß mein Hochtreten in diesem Steilstück für jemanden, der das Radfahren nur aus der Flachlandperspektive eines behäbigen Dreigangrades kennt, vollkommen unvorstellbar erscheinen mag. Nur sieht es oft viel spektakulärer aus, als es mit einer Übersetzung von 24 zu 32 wirklich ist. Jedenfalls freue ich mich über die ehrliche Begeisterung.
Hinter dem Broglessattel beginnt eine drei Kilometer lange Querfahrt Richtung Raschötzhütte. Das Dolomitenpanorama, das sich uns linkerhand bietet, ist wirklich unüberbietbar. Noch nie habe ich die mächtigen Berge in dieser Formation vor glasklarem, blauen Hintergrund so beeindruckend präsentiert bekommen. Ich erkläre Michi die einzelnen Berggruppen. Direkt gegenüber von uns, nur durch das Grödnertal getrennt, liegt die Seiser Alm, über der das Schlernmassiv und die Roterdspitze thront. Links davon die Roßzähne, an denen entlang man durch das Val Duron zum Tierser Alpl biken könnte. Diesen einmaligen Anstieg bin ich voriges Jahr gefahren. Dazwischen ragen einige Spitzen des Rosengartens hervor. Noch weiter Richtung Osten bietet sich ein Blick auf Platt- und Langkofel. Daneben präsentiert sich der mächtige Sellastock. Und all das wird überstrahlt vom Glitzern der Marmolata-Gletscher. Jeder der hier einmal gestanden und diesen sagenhaften Blick genossen hat, wird unterstreichen, daß die Dolomiten das "schönste Bauwerk" Europas sind, wie ich einmal in einem Bergsteigerbuch lesen durfte.
Am Ende der Querfahrt steigt es noch einmal kräftig Richtung Seilbahn. Der Weg führt über grobe Steinplatten, die in Form einer Autospur angelegt sind. Es bleiben nur rund 20 Zentimeter Platz zum Steuern. Ich schaffe gut 40 Höhenmeter. Dann kapituliere ich aber vor der Übermacht der restlichen 10 Höhenmeter. Nach Luft japsend muß ich wohl oder übel einige Meter schieben. Von der Seilbahn geht es auf einer Schotterstraße bergab. Immer wieder gibt der Wald Tiefblicke auf das herrliche Grödnertal frei. Wieder würde uns ein Gatter den Weg versperren. Und auch diesmal hält uns ein Wanderer das Tor auf. Einfach toll. Das sollten einmal unsere bornierten österreichischen Jäger sehen, die immer Konflikte zwischen Wanderern und Bikern herbeireden wollen, um die Wälder auch weiterhin für ihr exklusives und schizophrenes Hobby dichthalten zu können. In St. Ulrich gönnen wir uns in der Mittagssonne auf der Terrasse eines Hotel eine Cappuccinopause.
Hinter St. Ulrich beginnt die Asphaltstraße nach Kastelruth auf der Seiser Alm. Nach rund 3 Kilometern zweigt eine Forststraße, die kompromißlos, das heißt im wesentlichen direkt und ohne Kehren rauf nach Pulfes führt. 1,6 Kilometer Kampf um 280 Höhenmeter. Der Schweiß rinnt in Strömen. In Pulfes, das aus wenigen Häusern besteht, komme ich fast im Vorgarten eines Hauses raus aus der Forststraße. Eine alte Frau sitzt davor auf einer Bank und genießt die Sonne. Sie betrachtet mich eine Weile und sieht mir beim Schwitzen zu. Dann meint sie, daß ich hier jetzt aber nicht hochgefahren bin. Als ich das aber bejahe lacht sie nur und schüttelt den Kopf. Jetzt bin ich mir auch nicht mehr ganz sicher, ob das so gescheit ist, was wir da machen.
Um nicht zur Gänze in Selbstzweifel zu verfallen, drehe ich mein Bike wieder in Richtung Berg. Ab jetzt geht’s auf Asphalt, aber nicht minder steil bis zu Rifugio Monte Piz auf 1.781 Metern, von wo noch rund 100 Höhenmeter zum Seiser Almparkplatz in Compatsch vor uns liegen. Kurz vor dem Rifugio fragt mich Michi, schon leicht angeschlagen, wieviel Höhenmeter wir den heute schon zurückgelegt hätten. Ich habe nämlich für den heutigen Tag nur 1.550 geschätzt. Mit dem Bergauf und Bergab unter der Geislergruppe habe ich mich aber ordentlich vertan. Ich sage ihm, daß wir jetzt um zehn weniger als 2.000 hätten. Das löst bei ihm das genaue Gegenteil eines Begeisterungssturms aus. Daß ich mich bei der Kilometeranzahl nur um einen einzigen verschätzt habe, kann ihn auch nicht wirklich aus seiner nun aufkeimenden phlegmatischen Stimmung reißen.
Um so größer ist die Freude, als wir endlich oben in Compatsch angelangt sind. Allerdings wird der Naturgenuß hier heroben ganz gehörig durch die Jahrmarktstimmung getrübt. Würde man nur nach den Badeschlapfen und den Bierbäuchen urteilen, könnte man keinen Unterschied zwischen den Adriastränden und der größten Hochalm Europas ausmachen. Deshalb suchen wir uns auf der Hotelreservierungstafel eine Unterkunft aus, die möglichst weit weg von diesem Treiben liegt. Allerdings müssen wir dazu nochmals 250 Höhenmeter weiter rauf Richtung Mahlknechtjoch. Auf der Asphaltstraße zum Hotel Paradiso kommen uns Spaziergänger in dicht geschlossenen Viererkolonnen entgegen. Erinnert mich irgendwie an die Einkaufsstraße einer Großstadt zur Stoßzeit. Im Hotel lassen wir uns die verschwitzte Bikedress waschen. Während ich mein Tagebuch schreibe, verarbeitet Michi die zahlreichen Eindrücke dieses Tages bei einem verdienten Erholungsschlaf. Nach 2.350 Höhenmetern ist das auch vollkommen in Ordnung.
3.Tag: Seiser Alm - Sellajoch - Karerpaß - Obereggen, 1.700 Hm, 66 km
Um möglichst bald starten zu können, ist heute früher Tagwache. Der Wanderweg zur Plattkofelhütte und vor allem der Friedrich-August-Weg, über die wir heute wollen, sind von Wanderern äußerst stark frequentiert. Da muß man schon möglichst bald aufbrechen, um von der Halbschuhfraktion noch halbwegs verschont zu bleiben. Die Auffahrt zum Mahlknechtjoch beginnen wir im dichten Hochnebel, der sich über die gesamte Seiser Alm spannt. Kein einziger Wanderer ist auf den Beinen. Welch ein Gegensatz zu gestern Abend. Erst am Molignonhaus erblicken wir die ersten Bergfreunde. Dies hat sicherlich auch damit zu tun, daß die ernst-zunehmenden Wanderer nicht hier oben auf der Seiser Alm, sondern auf den weniger überlaufenen und vielfach faszinierenderen Berggruppen der Dolomiten unterwegs sind.
Bereits nach einer halben Stunde Fahrzeit erreichen wir das Mahlknechtjoch auf 2.180 Metern. Hier bin ich letztes Jahr durchs Val Duron von Canazei aus hochgekommen. Heute biken wir aber weiter bergauf Richtung Plattkofelhütte. Der Karrenweg zum Rifugio Sasso Piatto ist teilweise nur handtuchbreit und führt abschnittsweise über Geröll und dann wieder über erodierte Almböden. Rechterhand bieten sich uns ständige Tiefblicke auf das Val Duron. Die Roßzähne sind von Nebelschwaden umzogen. Ihre Spitzen ragen aber aus dem Nebel heraus und leuchten in der Morgensonne. Plötzlich bietet sich uns auch linkerhand ein Tiefblick über fast die gesamte Seiseralm. Der Weg wird damit zum Grad, den wir nun entlang biken. Nach den ersten 500 Höhenmetern erreichen wir die Plattkofelhütte auf 2.300 Metern. Michi meint, daß wir auf der Terrasse der Hütte eine erste kleine Pause machen könnten. Die will ich uns aber keinesfalls gönnen, weil wir von hier aus den Friedrich-August-Weg befahren, und bereits die ersten Wanderergruppen unterwegs sind.
Der Weg führt über rund 5 km in einem ständigen bergauf und bergab mit etlichen Tragepassagen durchsetzt an der Hangkante des Plattkofels entlang. Die kurzen, ausgesetzten Stellen erscheinen mir weniger dramatisch, als es die meisten Schilderungen vermuten ließen. Da bin ich schon ganz andere Wege gefahren. Allerdings dürfte auch hier das subjektive Empfinden relativ sein. Wenn man normalerweise nur über die schwindelerregenden Abgründe einer Gehsteigkante blickt, mag einem der Friedrich-August-Weg schon als wirklich tollkühner Alpinismus erscheinen. Bis zum Rifugio Sandro Pertini erleben wir reinsten Bikegenuß. Am Rifugio gönnen wir uns auf der übervollen Terrasse zwei Cappuccini. Jetzt sind ohnehin schon jede Menge Wanderer unterwegs. Die zahlreichen Italiener interessieren sich brennend für unsere Tour.
Sie machen uns an einem Tisch Platz und löchern mich mit ihren Fragen. Ob wir Frauen und Kinder zu Hause hätten, was wir auf einer solchen Tour so essen, was wir zu Pantani sagen und vieles mehr wollen sie von uns wissen. Jedenfalls haben wir jede Menge Spaß.
Nach einer längeren Pause geht’s weiter, jetzt mit bereits dichteren Wanderermassen. Zu meiner Überraschung gibt es dabei aber nicht ein böses Wort von Seiten der Wanderer. Da der Weg für einen Biker und einen Wanderer zu schmal sind, machen sie uns bereitwillig Platz. Fast jeder hat ein nettes oder bewunderndes Wort, daß wir natürlich genau so höflich erwidern. Irgendwie sind wir beiden hier oben die Attraktion. Man würde auf diesem Wanderweg natürlich auch nicht zwangsweise einen Biker erwarten. Allerdings haben wir auch den Vorteil, hier die einzigen Biker zu sein. Beim fünfzehnten Radlfahrer würde sich für die meisten wohl der Spaß aufhören.
Kurz vorm Rifugio Frederico Agosto unter dem Sellajoch bietet sich uns eine extrem steile Rampe auf erodiertem Almboden. Michi versucht als erster sein Glück. Bei einer Steilstufe muß er kapitulieren. Eine große Schar von Wanderern beobachtet uns dabei. Einer davon meint zu mir, daß ich da sicherlich nicht hochkomme. Ich antworte ihm, daß ich wahrscheinlich in der Mitte der Steigung samt dem Bike umfallen werde, es aber auf jeden Fall probiere. Ich trete konzentriert an und als ich die erste Steilstufe überwinde, rufen die Deutschen: "Bleib drauf, Du schaffst es!" und die Italiener: "Forza Pantani". Als ich oben bin applaudieren unten 20 bis 25 Leute. Jubelnd strecke ich den Arm in die Höhe und bedanke mich winkend für die Ovationen.
Hinter dem Rifugio erreichen wir die Asphaltstraße zum Sellajoch, auf der wir noch einige Kehren hoch müssen. Hier heroben ist die Hölle los. Ein deutscher Reisebus, Motorradfahrer, Radrennfahrer und Automobilisten tummeln sich am Paß. Wir ziehen uns rasch warme Sachen an und beginnen gleich die Abfahrt. Über etliche Kehren geht es mit abschnittsweise mehr als 70 km/h runter nach Canazei ins Fassatal. Dabei müssen wir natürlich auch einige Autos überholen.
Hinter Canazei erreichen wir Campitello, von wo man durchs Val Duron wieder rauf zum Mahlknechtjoch fahren könnte. Wir beschließen aber, vorerst einmal Mittagspause zu machen und lassen uns im Garten einer Pizzeria nieder.
Nach gut einer Stunde und mit Pasta gefüllten Kohlehydratspeichern fahren wir auf einem Schotterradweg und dann auf Asphalt 15 km nach Moena. Von dort geht es auf mir bereits bekannter aber wieder traumhaft schöner Waldstrecke rauf zum Karerpaß.
Dies ist auch ein Streckenabschnitt des in Italien bestens bekannten, weil extrem schwierigen Mountainbikemarathons Rampilonga. Die 700 Höhenmeter hoch zum Karerpaß treten wir in gleichmäßigen Tempo, wobei Michi für den Rhythmus sorgt. Oben am Passo Costalunga ist es ziemlich kalt, weshalb wir uns vorerst im Restaurant eines der beiden Hotels aufwärmen. Dann kommt doch noch die Sonne raus und erlaubt einen faszinierenden Ausblick auf den Rosengarten, der über dem Karerpaß thront. Vom Paß geht’s auf Asphalt bergab bis zum Karersee. Hier ist wie immer ein riesiger Touristenrummel. Eigentlich verstehe ich nicht, was an dieser Lacke so faszinierend sein soll. Wahrscheinlich ist es der große Parkplatz, der sich für eine Kaffeepause geradezu anbietet. Hinter dem See zweigt der Tempelweg zum kurz vor Obereggen gelegenen Bewallerhof ab. Letztes Jahr bin ich diesen Weg, der als Geheimtip der Eggentaler Biker gilt, zweimal gefahren. Weil mir die schnellen Kurven schon bekannt sind, können wir sie heuer mit vollem Speed fahren. Obwohl der Weg auf einer Höhenschichtlinie entlangführt erreicht man am mittleren Kettenblatt eine Geschwindigkeit von permanent 35 km/h. Bei den schnell aufeinanderfolgenden Kurvenkombinationen schrammt man immer knapp an den Ästen vorbei.
Am Bewallerhof ist die Asphaltstraße nach Obereggen, auf der es nochmals 100 Höhenmeter zu überwinden gilt erreicht. Da es nachmittags doch wieder ordentlich kühl geworden ist, suchen wir uns heute ein Hotel mit Sauna, die wir auch gleich anheizen lassen.
4. Tag: Obereggen - Jochgrimm - Manghenpaß - Caldonazzo, 2.550 Hm, 100 km
Das Frühstück heute morgen läßt keine Wünsche offen. Fast etwas zu voll starten wir von Obereggen bei kühlem Wetter Richtung Rauth, und zwar bergab auf der Bundesstraße. Wir vernichten dabei einige hundert Höhenmeter. Von Rauth zweigt ein gut zu fahrender Forstweg Richtung Schwarzenbach ab. Wir wären zwar auch auf der Straße dorthin gekommen, allerdings hätten wir dann noch weiter bergab und natürlich wieder bergauf müssen. Am vierten Tag eine Alpenüberquerung versucht man allerdings bereits, nach Möglichkeit keine Höhenmeter zu verschenken. Nach rund 20 Minuten erreichen wir wieder die Bundesstraße und jetzt bleiben uns die ersten Steigungshöhenmeter nicht mehr erspart. In einer der ersten Kehren Richtung Bielhof zweigt die Forststraße Richtung Passo Lavazze ab. Bei der Planung der Tour ist mir diese Variante ob der ziemlich direkt überwundenen Höhenschichtlinien als zu steil erschienen. Das von mit angefertigte Roadbook sieht deshalb vor, in einem weiten Bogen über Bielhof und Laabalm zum Jochgrimm zu biken. Jetzt sehen wir uns das Ganze nochmals auf der Karte an und meinen, daß uns nach der Erfahrung der letzten drei Tage eigentlich nichts mehr zu steil sein kann.
Deshalb entscheiden wir uns, hier abzuzweigen und auch noch den Passo Lavazze in unseren Routenverlauf mit aufzunehmen. Und tatsächlich dürften die Wegerrichter Kehren für einen durchaus vernachlässigbaren Luxus gehalten haben. Ohne Kompromisse geht’s direkt den Berg hoch. Wir versuchen natürlich, möglichst kraftsparend zu kurbeln. Das gelingt auch ganz gut. Immerhin sind wir jetzt seit unserem Start in Gries nun doch schon einige Zeit unterwegs. Da wird das Biken, auch den Berg rauf, zu einer Selbstverständlichkeit, die man eigentlich nicht mehr groß in Frage stellt. Man steht auf, frühstückt und setzt sich aufs Bike, das mit jedem Kilometer zu einem besseren Freund wird. Der Körper verlangt richtig nach der Möglichkeit, über literweisen Schweiß zu seiner ursprünglichen Funktion zurückzufinden. Der Kopf ist stolz auf die zunehmende Leichtigkeit, mit der die Beine ihre Arbeit verrichten. Und der Geist wird durch die natürliche Tiefenatmung, zu der man längst wieder zurückgefunden hat, in Jubelstimmung versetzt. Dies alles mit der Faszination unberührter Natur kombinieren zu können, ließ für mich Mountainbiken zu einem wesentlichen Lebensinhalt werden.
Nach den ersten 700 Höhenmetern ist die erste Bikegarnitur schon völlig durchgeschwitzt. Nach einer kurzen Pause, bei der wir uns trockene Sachen anziehen, müssen wir noch 3 km am Bergrücken entlang bis zum Passo Lavazze. Am Passo Lavazze könnten wir über die Asphaltstraße nach Molina abfahren und, wenn wir das Trudner Horn auslassen, gleich die morgige Etappe über den Manghenpaß fahren. Ich meine aber dennoch, daß wir noch die 200 Höhenmeter auf Asphalt bis zum Passo Jochgrimm fahren, schon alleine um ihn einmal gesehen zu haben. Allerdings ist es mit dem Sehen nicht weit her. Nur vereinzelt blinzeln das Weiß- und das Schwarzhorn durch die Nebeldecke, die immer dichter wird. Da es hier oben auch schon ziemlich kühl ist, reift bei mir doch die Überzeugung, auf die 400 Höhenmeter zum Trudner Horn zu verzichten und heute noch über den Manghenpaß zu fahren. In Caldonazzo vermute ich nämlich besseres Wetter. Am Jochgrimm trinken wir in der Hütte Tee und Cappuccino, um uns aufzuwärmen.
Wir entscheiden uns, das Trudner Horn nicht zu fahren, weil wir dort ohnehin nicht viel sehen würden. Wenn wir heute dann noch bis Caldonazzo im Val Sugana wollen kommen wir aber auf eine Tagesetappe von rund 100 Kilometern und mehr als 2.500 Höhenmetern. Ich sage zu Michi, daß man am vierten Tag einer Alpenüberquerung ohnehin eine leichte Etappe einplanen sollte. Dieser zynische Hinweis kann ihn aber nicht wirklich entmutigen. Da er wesentlich stärker ist als vor allem er selbst es erwartet hat, kann ihn das nicht mehr erschrecken. So nehmen wir bald die Abfahrt vom Jochgrimm nach Kalten-brunn im Fleimstal in Angriff. Ein nicht mehr enden wollender Downhill führt uns erst auf Schotter bis Radein und von dort auf Asphalt bis Kaltenbrunn. Von dort müssen wir noch 10 km über die stark befahrene Bundesstraße bis Molina, wobei wir noch einige Zwischensteigungen zu bewältigen haben.
In Molina zweigen wir Richtung Manghenpaß, einer kleinen, von Autos kaum befahrenen Asphaltstraße ab. Erstmal sehe ich ein mir äußerst sympathisches Verkehrszeichen, daß die Autofahrer zur Rücksichtnahme auf Radfahrer mahnt. Da jetzt unerbittliche 18 Kilometer und 1.200 Höhenmeter Uphill vor uns liegen, gibt’s in einem Restaurant noch Nachschub für den Flüssigkeitshaushalt und Espresso als Dopingmittel. Das mit den wenigen Autos ist wirklich eine Wohltat. Ganze zwei Stunden sind wir bergauf unterwegs. Michi meint, daß er so etwas normalerweise als Tagestour fährt. Als Nachmittagsprogramm einer Alpenüberquerung würde er es aber nicht uneingeschränkt weiter empfehlen. Darin steckt sicherlich ein Körnchen Wahrheit. Auf der anderen Seite liebe ich solche Anstiege. Da kann man sich nämlich nicht mehr verstecken. Während man auf anderen Strecken bei Flach- oder Downhillpassagen die Möglichkeit hat, sich zu erholen, gibt’s hier keine Ausflüchte. Entweder man hat’s drauf oder nicht. Auch wenn es nur für einem selbst von Bedeutung ist, jeden Sieg über sich und den Berg genießt man nach solchen Anstiegen unendlich.
Nach zwei Stunden erreichen wir das Rifugio Manghen. Da über den Manghenpaß auch eine Etappe des Giro drüber geht ist die Hütte voll mit Poster und Zeichnungen vom Nationalidol Marco Pantani. Sogar ein original rosa Trikot prangt hinter einer Glasvitrine. Da muß ich natürlich ein Foto mit Michi, dessen Frisur der von Pantani schon sehr ähnlich kommt, machen. Nach dem wir uns auf der Hütte mit einem Apfelkuchen gelabt haben geht’s noch über einige Kehren rauf zum Manghenpaß und dann mehr als 20 km bergab bis Telve di Sopra. Der Tacho zeigt fast permanent 60 km/h. Nur ein einziges Auto müssen wir dabei überholen. Plötzlich baut sich vor uns aber ein Hindernis der besonderen Art auf. Ein Stier trottet die Straße hoch. Aber auch diese Begegnung verläuft glimpflich. Allerdings habe ich kräftig in die Bremshebel meiner V-Brake greifen müssen.
Bevor uns der Speedrausch endgültig um den Verstand bringt stoppen wir in Telve di Sopra, um die langen Hosen und Jacken auszuziehen. Wie erwartet ist hier im Val Sugana schönes Wetter. Obwohl wir nach 80 km und 2.200 Höhenmetern schon einigermaßen gerädert sind, müssen wir jetzt noch 350 Höhenmeter rauf nach Roncegno. Von dort sind es noch 15 Kilometer bis Caldonazzo. Um 19.00 Uhr erreichen wir den Ort. Wir fahren ins Zentrum und bremsen bei einem der wenigen Albergos ab. Mein Tacho zeigt exakt 100 Kilometer und 2.550 Höhenmeter. Aber das ist uns nicht genug für heute. Deshalb waschen wir nach dem Duschen auch noch einige Bikeklamotten. Dieses sicherlich nicht zu eintönige Tagesprogramm verleitet Michi beim ersten Bier des Tages zur Aussage: "So gemütlich könnte es im Büro sein!"
5. Tag: Caldonazzo - Monte Rovere - Monte Maggio - Posina, 1.900 Hm, 50 km
Bevor wir von Caldonazzo zum Monte Rovere starten, müssen wir erst einmal den Dreck der letzten Tage von unseren Ketten und Ritzeln entfernen. Dazu suchen wir nach einem Wasserschlauch. Im Garten eines Hauses werden wir fündig. Da sich auf mein Rufen niemand meldet, müssen wir die Bikes ohne Genehmigung abspritzen. Glücklicherweise findet sich auch noch ein Putzfetzen, so daß wir die Ketten ölen können. Danach läuft der Antrieb wieder wesentlich runder und vor allem geräuschfrei. So machen die 800 Höhenmeter rauf zum Monte Rovere fast richtig Spaß.
Autos sind auf dieser teilweise in den Berg gesprengten Asphaltstraße kaum unterwegs. Man hat von hier schöne Tiefblicke auf den Caldonazzosee. Allerdings ist es zu diesig, um wirklich etwas erkennen zu können. Nach etwas mehr als einer Stunde ist der Passo Monte Rovere erreicht. Über einen Waldweg geht es nochmal einige hundert Höhenmeter bergauf und dann bergab bis Bertoldi. Während wir versuchen, uns zu orientieren, kommen zwei Biker die Asphaltstraße hoch. Wir kommen ins Gespräch und dabei stellt sich heraus, daß es sich bei einem der beiden um den Gemeindearzt von Lenzing handelt. Wir unterhalten uns lange über die verschiedensten Tourengebiete.
Dann fahren Michi und ich Richtung Virti ab. Am Straßenrand ist der Passat-Kombi des Arztes geparkt. Bis auf die Farbe der Bezüge die gleiche Version, wie ich sie bestellt habe. Von hier könnte man Richtung Altopiano di Sette Comuni abzweigen, wo ich vor einigen Wochen mit Andrea im Rahmen eines Kurzurlaubs in Bassano del Grappa war. Wir müssen aber bergab Richtung Carbonare. Vorher biegen wir aber noch auf einen Waldweg zum Commando Austriaco, eines der zahlreichen Forts auf der Hoch-ebene von Lavarone, ab. Das Commando ist schon einigermaßen verfallen und nicht wirklich beeindruckend. Wir versuchen uns im Wald zu orientieren und finden tatsächlich den richtigen Weg nach Carbonare, wo wir in einem Restaurant Mittagspause machen. Allerdings nehmen wir uns nicht viel Zeit dafür, weil direkt vor der Haustüre der Anstieg zum Passo del Sommo beginnt. Über Asphalt und einige hundert Höhenmeter erreichen wir den Paß und die Abzweigung zum Forte Sommo Alto. Der gut ausgebaute Forstweg läßt einigermaßen entspanntes Biken zu.
Das Forte Sommo Alto ist nun aber tatsächlich beeindruckend. Schon von weitem ist der gut 100 Meter lange Bau zu erkennen. Wir klettern auf einer Stiege hinab in das relativ gut erhaltene Gemäuer und durchwandern seine Gänge. Der jetzt einsetzende dichte Nebel sorgt bei mir für leicht bedrückende Stimmung. Irgendwie habe ich das Gefühl, etwas von der tragischen Geschichte dieses Ortes spüren zu können. Realistisch betrachtet muß man feststellen, daß dieser Kampf um Steinhaufen an Sinnlosigkeit wohl kaum zu überbieten ist. Die Sprayauf-schrift "Ein Tirol" finde ich angesichts eines großen Europas sogar irgendwie lächerlich. Und wieder kommt mir die Überlegung in den Sinn, daß wir Biker heute von den Schrecken des Ersten Weltkrieges profitieren. Die Alpen und vor allem die Dolomiten wurden von einem dichten Netz von Militärstraßen überzogen, ohne die wir heute niemals in solche Höhen vordringen könnten.
Kurz vor dem Passo Coe trinken wir in einem Rifugio einen Cappuccino und einen Liter Mineralwasser. Während dessen wird der Nebel noch dichter. Trotzdem wollen wir heute noch über den Monte Maggio. Die 300 Höhenmeter zum Gipfel legen wir teils auf einem Waldtrial und teils auf einem ständig am Hangabbruch entlang führenden Steinweg zurück. Dabei erheitert mich ein Plastikband, das an einer ausgesetzten Stelle offensichtlich den Sturz ins Ungewisse, das hier ungefähr hundert Meter tiefer liegt, verhindern soll. Auch nicht unbedingt adäquat. Nach einer ordentlichen Schinderei erreichen wir den Monte Maggio, glauben wir zumindest. Das Gipfelkreuz, das hier heroben nämlich sein sollte, können wir aufgrund des Nebels, der nur 10 Meter Sicht zuläßt, nicht erkennen. Aber die Tatsache, daß es wieder bergab geht, läßt uns den Gipfel erahnen.
Mit kurzen Gegenanstiegen führt der technisch schwierige Weg Richtung Passo Borcola. Was jetzt kommt ist zum Teil aber wirklich halsbrecherisch. Ein falscher Schritt wäre hier mit Sicherheit der letzte. Deshalb einigen wir uns darauf, daß Mut eine Tugend ist, auf die wir die nächsten paar hundert Höhenmeter bergab verzichten wollen. Dementsprechend viel Zeit erfordert das Ganze auch. Wir können immer nur wenige Meter biken, bis wir wieder aus dem Sattel müssen. Erst viel weiter unten wird der Weg wieder einigermaßen fahrbar, allerdings in gewohnter Gardasee-Geröllqualität. Einige Meter vor dem sicheren Asphalt am Passo Borcola steigt Michi spektakulär über den Lenker ab. Eine tiefe Rinne hat seinen Vorderreifen aus der Spur geworfen. Außer dem Schreck ist ihm zum Glück aber nichts passiert.
Am Passo Borcola dürfte es sehr idyllisch sein, vorausgesetzt man sieht etwas von der Landschaft. Wir fahren gleich Richtung Posina ab, wo wir in einem der beiden Albergos Quartier beziehen. Neben unserem Zimmer wohnen zwei deutsche Biker, die auch auf Alpenüberquerung sind. Allerdings sind sie nicht wirklich gesprächig, was für Biker eigentlich nicht normal ist. Nach einigen Versuchen kapituliere ich und überlasse die beiden ihrem Schicksal.
6. Tag: Posina - Colle Xomo - Pasubio - Rovereto - Riva del Garda, 2.200 Hm, 75 km
Auch beim Frühstück kommt unseren beiden deutschen Bikekollegen kein freundliches Wort über die Lippen. Dafür ist die Wirtin irre nett. Ich unterhalte mich mit ihr über den Ort Posina und ihre Eigenproduktionen von Butter, Honig und Marmelade. In der Freude, daß uns beiden alles so gut schmeckt, tischt sie uns auf, als hätten wir drei Wochen nichts zu essen bekommen. Für mich unterstreicht diese Herzlichkeit einmal mehr, daß es einfach keinen richtigen Spaß macht, in einem Land außerhalb der üblichen Touristenzentren, und das ist dieses gottverlassene Tal mit Sicherheit, ohne einheimische Sprachkenntnisse unterwegs zu sein. Dort wo ich üblicherweise mit dem Bike hinkomme, spricht man zumeist eben nur die Landessprache. Und wenn ich dann auf die einfache Frage, ob ich noch Kaffee möchte, die Wirtin so wie unsere beiden Tischnachbarn nur ungläubig anstarren müßte, wäre mir das einfach zu blöd.
Nach einem im wahrsten Sinne des Wortes magenfüllenden Frühstück starten wir bei diesigem Wetter Richtung Colle Xomo. Über eine enge und einsame Asphaltstraße gelangen wir von 570 auf 1.080 Höhenmeter. Während der Auffahrt beginnt es zu nieseln. Oben am Colle Xomo, einer Kreuzung mit kleiner Bar im Niemandsland, ist es kühl, feucht und neblig. Hier beginnt die Militärstraße zum Pasubio. Die äußeren Bedingungen versprechen wenig Genuß für die vor uns liegenden 1.000 Höhenmeter. Michi artikuliert dies auch deutlich. Er meint, daß er sich das jetzt eigentlich nicht antun möchte und wir den linken Abzweig Richtung Rovereto nehmen sollten. Ich lasse mir die fehlende Motivation nicht anmerken und verspreche ihm, daß oben am Pasubio schönes Wetter ist. Wir wetten um einen Cappuccino, den einer dem anderen aus der gemeinsamen Kasse ausgibt. Ich bin mir zwar sicher, daß es oben nicht viel anders aussieht, aber in so einer Situation bringen einen Diskussionen nicht wirklich weiter.
Der Anstieg über die Schotterstraße gestaltet sich ob des schwer zu fahrenden Untergrundes ziemlich anstrengend. Mit ihrem groben Schotterbelag hat die Straße absolut den Charakter der Schotterstraße auf den Tremalzo am Lago di Garda, dem Pilgerberg der mitteleuropäischen Mountainbiker. Dieses Bikefeeling erlebt man nur im Trentino. Die Steigungsprozente würden auf den gewohnten heimischen Forststraßen kein wirkliches Problem darstellen. Hier hat man allerdings aufgrund des ständig durch Gesteinsbrocken aus der Spur geworfenen Vorderrades um permanenten Bodenkontakt zu kämpfen. Das Wetter dürfte sich über seine Absicht selbst nicht ganz im klaren sein. Einmal scheint die Sonne durch die Wolken, dann sieht man wieder nur einige Meter und ab und zu gibt es eine kurze Regeneinlage. Da versteht es sich von selbst, daß wir auf keine Menschenseele treffen. Alle paar Meter trifft man auf Tunneleingänge, die Vorboten des oben am Pasubio gelegenen Schlachtfeldes. Hinter einer Wegbiegung warte ich kurz auf Michi, der richtigerweise sein gleichmäßiges Tempo beibehält.
Ich betrachte eine skurrile Felsformation, bis sie langsam vom Nebel verhüllt wird. Die Ruhe, die diesen Ort umgibt, erscheint mir als beeindruckende Geräuschkulisse. Fast harmonisch fügt sich das Schnaufen von Michi, der plötzlich aus dem Nebel auftaucht, in das Geschehen. Gemeinsam treten wir die letzten Kehren hoch. Durch einen Felsvorsprung geht’s links zur Strada delle Gallerie, einer wohl einzigartigen Militärstraße mit 52 in den Fels gesprengten Tunnels.
Sie galt als Bikelegende, bevor sie von den Behörden gesperrt wurde. Dies ist auch verständlich, wenn man bedenkt, daß hier einige Biker tödlich verunglückt sind. Einige der Tunnels führen kreisförmig um den Berg. Das Licht von mannshohen Schießscharten haben Biker als Tunnelausgang gedeutet und damit den letzten, wenn auch faszinierenden Sprung ihres Lebens getan. Angesichts der Alternative des Rifugio Generale Papa, dessen Umrisse wir im Nebel schemenhaft erkennen, kommen wir aber gar nicht in Versuchung, die Strada delle Gallerie zu testen.
Das Rifugio mit dem Namen des italienischen Oberbefehlshabers der Pasubio-Streitkräfte im 1. Weltkrieg ist eine dominante und urige Erscheinung. Wir bestellen uns eine heiße Minestrone, die sich als Wohltat erweist. Hier oben sind schon wesentlich mehr Biker, weil der Pasubio vom Süden her angefahren eine tolle Tagestour für Gardaseebiker darstellt. Nach einer ausgiebigen Pause, bei der wir uns auch trockene Sachen anziehen, fahren und schieben wir noch 200 Höhenmeter rauf zum Gipfel, dem Cima Palon auf 2.200 Metern. Es beginnt wieder stärker zu regnen und der Nebel wird immer dichter. Wir erreichen die Dente Italiana, die italienische Stellung. Einfach unglaublich, was hier in den Berg alles reingebaut wurde. Schützengräben, Gänge, Mannschaftsräume, ja oft richtige Säle. Natürlich müssen wir zahlreiche Fotos machen. Zur österreichischen Stellung sind es nur einige hundert Meter. So dicht standen sich hier tausende Mann in einem jahrelangen, erbitterten Kampf gegenüber.
Der Wanderweg schlängelt sich zwischen riesigen Granatentrichtern hindurch. Von oben betrachtet muß der Berg hier wie ein überdimensionierte Schweizer Käse wirken. An der österreichischen Stellung treffen wir auf eine Gedenkstätte der Tiroler Kaiserjäger, auf der Kriegsrelikte und sogar Menschenknochen abgelegt wurden. Ich blicke zurück über das Schlachtfeld. Der Nebel und der Regen wirken wie ein Katalysator für die bedrückende Stimmung. Einen Moment ist es, als könnte ich aus der Ferne das Donnern der Granateneinschläge und die Schreie der Verwundeten hören. Ich war mit meinem Bike nun schon auf unzähligen Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges, ob hier im Trentino am Tremalzo, Monte Baldo und den Forts von Lavarone, im Veneto am Monte Grappa bei Bassano, in der Fanes-Gruppe am Col Loccia, der Fanesscharte oder in Südtirol auf der Brenner-Grenzkammstraße. Aber so authentisch, wohl durch die Stimmung des Wetters verstärkt, habe ich die Schrecken dieses sinnlosen Krieges noch nie nachempfunden. Ohne große Worte schieben wir die Bikes weiter auf dem E5, dem Europäischen Fernwanderweg.
Erst nach gut einer Stunde können wir wieder fahren. Ein handtuchbreiter Weg führt an der Hangkante entlang. Linkerhand bietet sich ein ziemlich steiler Wiesenabhang. Jetzt sollten wir besser keinen Fahrfehler machen. Michi meint, daß es gut sei, daß ihn nun seine Mutter nicht beobachten kann. Sie würde wohl vor Angst erstarren. Für meine gilt uneingeschränkt das Gleiche. Das hier ist nichts für schwache Nerven. Deshalb klicke ich aus den Pedalen aus, um im Falle des Falles schneller reagieren zu können. Rund 2 km ist dieser Weg lang. Die aufgrund des aufgeklarten Wetters wieder einigermaßen möglichen Tiefblicke sind absolut überwältigend. Allerdings sollte man sie nur im Stehen genießen. Als ich es einmal im Fahren versuche, merke ich sofort, daß man in die Richtung steuert, in die man blickt. Also konzentriere ich mich wieder auf den Boden unter meinem Vorderreifen. An einer Stelle ist der Hang durch Latschen verwachsen. Das erscheint mir einigermaßen sicher und ich klicke in die Pedale ein. Es dauert aber nicht lange und der Vorderreifen rutscht auf einem der nassen Steine weg und ich segle über den Lenker den Hang hinab. Das Bike kommt nach drei Metern zum Stillstand. Nach fünf Metern bremsen die Latschen meinen Sturz.
Als Michi um die Kurve biegt, sieht er mich da unten liegen. Nach einem ersten Schreck kann er sich das Lachen nicht verbeißen. Jetzt muß ich da aber wieder hochklettern. Und das ist bei dem nassen Gras gar nicht so einfach. Da nichts passiert ist, fahren wir den Weg, nun etwas vorsichtiger geworden, weiter. Bald geht es wieder sicherer, aber dafür nun steil bergab zum Rifugio Lancia auf der gegenüberliegenden Kesselseite. Im Rifugio gibt’s noch mal Espresso und Kuchen. Dann müssen wir nur mehr bergab bis Rovereto. 21 Kilometer Downhill mit einem Höhenunterschied von 1.600 Metern.
Die nun beginnende Forststraße beschert uns die heftigste Rüttelei der gesamten Alpenüberquerung. Unsere heimischen Bachläufe sind besser beschaffen als diese Forststraße. Nach einigen, für die Handgelenke extrem anstrengenden Kilometern, erreichen wir eine gemäßigteren Untergrund, der unser wieder Bikegenuß bietet. Zum Schluß gibt’s nochmals Asphalt. In Rovereto empfängt uns auf 200 Metern wieder der Sommer. Die Temperaturunterschiede, die man auf einem Transalp innerhalb weniger Minuten erlebt, sind wirklich beeindruckend.
In Rovereto fahren wir zuerst zum Bahnhof, um uns einen Zug für den nächsten Tag auszusuchen. Dann biken wir auf der stark befahrenen Bundesstraße nach Riva del Garda. Die letzten Kilometer können wir auf dem neuen Radweg zurücklegen. Die stinkende Verkehrslawine wirkt angesichts der Ruhe am Pasubio, die wir noch vor etwas mehr als einer Stunde genossen haben, wirklich ernüchternd. Bei Nago bietet sich uns der erste Blick auf den Gardasee. Nun können wir bergab bis Torbole rollen. In einer langgezogenen Linkskurve ist eine Art Steilkurve betoniert. Jedesmal wenn ich mit dem Auto vorbeigekommen bin, habe ich gemeint, daß ich die einmal mit dem Bike fahren möchte.
Heute gönne ich mir den Spaß. Also warte ich, bis kein Auto hinter mir ist und beschleunige. Das Fahrgefühl in dieser Schräglage ist irgendwie nicht ganz alltäglich. Gut 25 Meter schaffe ich auf diese Art, dann wird die Angst zu groß.
In Torbole wollen wir ein Zimmer suchen. Bei drei Hotels haben wir aber kein Glück. Deshalb fahren wir die zwei Kilometer nach Riva zu meiner Bekannten, Signora Ferrari. Die hat zwar auch keinen Platz, freut sich aber offensichtlich, mich wieder einmal zu sehen. Sie telefoniert für uns mehrere befreundete Hotels durch. Erst beim sechsten Anruf klappt es und sie kann für uns ein Zimmer reservieren. Mit einem ausgiebigen Abendessen in Riva und Grappa am alten Hafen beenden wir nicht nur den heutigen Tag sondern auch diese Alpenüberquerung.
Ich freue mich irre darüber, daß ich im heurigen Jahr zweimal mit meinem Bike über die Alpen unterwegs sein durfte. Diese Tour hat meinen nicht zu kleinen Erfahrungsschatz wesentlich bereichert. Zudem ist sie zu einer sportlichen Herausforderung mit einem tollen Partner geworden. Und Michi hat für sich neue Leistungsdimensionen erschlossen.
Der Tag danach: back home
Heute morgen regnet es zum ersten Mal in dieser Woche wirklich heftig. Zum Glück ist uns solches Wetter während der Alpenüberquerung erspart geblieben. Jetzt können wir uns aber ohne schlechtes Gewissen nochmals zur Seite drehen und weiterschlafen. Erst um 10.00 Uhr brechen wir vom Hotel Richtung Rovereto auf. Offensichtlich hat es der Großteil der Urlauber vorgezogen, den Regentag für die Heimfahrt zu nützen. Das bewirkt natürlich eine sich im Schrittempo fortbewegende Autoschlange von Riva bis zur Autobahnauffahrt kurz vor Rovereto. Immerhin über eine Streckenlänge von gut 20 Kilometern. Sogar bergauf fahren wir leichtfüßig an den verdutzt blickenden Autofahrern vorbei.
In Rovereto sind wir vollkommen durchnäßt. In der Bahnhofshalle schreibt die Geschichte "So klein ist die Welt" ein weiters Kapitel. Die Halle ist voller Bikes und zehn davon tragen den Schriftzug des Steyrer Bikeshops Hrinkow. Jemand schreit mir entgegen: "He Andi, was tust denn Du da?". Mein ehemaliger Läuferkollege Franz Flankl ist mit einer Gruppe von 6 Steyrern eine ähnlich Route wie wir über die Alpen gefahren. Wie es der Zufall will, warten auch die Steyrer, die wir auf der Broglesalm in der Geislergruppe getroffen haben, auf den Zug zum Brenner. Flankl und ich haben uns während der Zugfahrt viel zu erzählen.
Es sind doch etliche Jahre vergangen, seit ich wir gemeinsam trainiert und an zahlreichen Rennen in ganz Österreich teilgenommen haben. Eigentlich wollte uns der italienische Schaffner am Bahnsteig ja gar nicht in den Zug lassen. Der Ansturm von rund 30 Bikern erschien ihm nicht bewältigbar. Schließlich mußte er aber vor der Übermacht kapitulieren. Auch die beiden stummen, deutschen Biker haben sich in den Zug verirrt. Sie stehen während der 2,5 Stunden Fahrt am Gang, umklammern mit korrekt justiertem Helm ihr Bike, starren auf die vorbeirauschende Landschaft und verschwenden keinen Blick zur linken oder rechten Seite. Da sich das Bikeabteil direkt hinter dem Führerstand der Lokomotive befindet, klettere ich zu den beiden Lokführern hoch und frage, ob ich ein Stück hier vorne mitfahren darf. Sie haben nichts dagegen und wir unterhalten uns über den Radsport und Fußball, zwei zentrale Themen in Italien. So viele Bikes wie heute hatten die beiden noch nie in ihrem Zug.
Am Brenner ist es wie so oft saukalt. Wir ziehen uns sämtliche noch einigermaßen trockenen Sachen an und fahren im strömenden Regen bergab bis Gries. Auch dabei müssen wir wieder an einer sich nur langsam fortbewegenden Autokolonne vorbei. Beim in Gries geparkten Auto bremsen wir ab und verfrachten gleich die Bikes aufs Autodach. Dann bedanken wir uns bei den Wirtsleuten, bei denen wir vor einer Woche übernachtet haben, für die Zurverfügungstellung des Parkplatzes. Noch bevor wir uns umziehen, bestellen wir Kaiserschmarrn, das österreichische Pendant zum italienischen Kohlehydratlieferanten Spaghetti. Beim Ausziehen der durchweichten Bikeklamotten, eine Situation bei der viele nur fluchen würden, formuliert der Transalp-Neuling Michi jene entscheidenden Worte, die Faszination einer Alpenüberquerung am besten charakterisieren:
"Wenn Du einmal über die Alpen gefahren bist, willst Du es immer wieder tun!"
Transalp 2/1998: 6 Tage, 12.350 Höhenmeter, 408 Kilometer
Andreas Kronabitleitner