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Transalp 1998

Von St. Anton nach Riva del Garda (von Dr. Andreas Kronabitleitner)

Mit dabei: Andreas Kronabitleitner, Michael Mitsch, Peter Schöffer, Andreas Socher, Michael Tinzl alle Berg-Rad-Wander-Club Traunsee)

Dies wird heuer meine dritte Alpenüberquerung sein. Damit konnte ich bei der Vorbereitung und Tourenplanung schon auf entsprechenden Erfahrungswerten aufbauen. Die Ausarbeitung einer Route stellt aber immer wieder eine besondere Herausforderung dar. Verschiedene Alternativen müssen gegeneinander abgewogen und mit der Leistungsfähigkeit der Gruppe vereinbart werden. Die Attraktivität einzelner Streckenabschnitte läßt sich aber nicht in Prozentwerten oder Maßstäben gültig vergleichen. Beispielsweise bieten sich für heuer zwei landschaftlich vollkommen unterschiedliche, aber dicht nebeneinander liegende Alternativrouten durch die Schweiz an. Entweder die spektakuläre Route durch eine der wildesten Schluchten der Alpen, die Uina-Schlucht, in der einiges zu schieben wäre, oder die gänzlich fahrbare Route über die weiten und fast lieblichen Almböden des Costainaspasses. Die endgültige Entscheidung kann nur eine subjektive sein. Aber am Ende soll die Route ein Gesamtkunstwerk darstellen und vor allem eine Individuelle sein. Zu große Bikermassen sind nach den vorgefertigten Instant-Routen der Bikezeitschriften unterwegs. Da nehme ich lieber das Risiko einer Erstbefahrung mit möglicherweise längeren Tragepassagen auf mich, wenn dieses auch heuer noch etwas schwerer wiegt, sind doch vier Kollegen mit dabei, deren Unmut über eine etwaige schlechte oder unrealistische Planung sicherlich nicht zu gering wäre.

1. Tag: St. Anton -Verwalltal - Heilbronner Hütte - Ischgl, 1.200 Hm, 47 km

Wir wollen heute Sonntag um 7.40 Uhr von Attnang den Zug nach St. Anton nehmen. Das bedeutet Tagwache um 5.45 Uhr. Eigentlich nicht unbedingt die beste Zeit, um zu einer Alpenüberquerung aufzubrechen. Eine Anreise am Vortag war uns aber terminlich nicht möglich. So versuchen wir im Zug noch etwas Schlaf nachzuholen, was aber nur Peter Schöffer so richtig gelingt. Mittags laden wir in St. Anton die Bikes aus dem Zug. Obwohl wir während der Fahrt wirklich ausreichend Zeit dazu hatten, beginnt Michi Tinzl nun am Bahnsteig mit Einstellungsarbeiten an seinem Bike. Nach einer Weile ist es endlich so weit und wir können unsere erste Etappe in Angriff nehmen. Für die ersten beiden Tage verwenden wir eine Tourenbeschreibung aus der Zeitschrift "bike". Als ich einen Vorarlberger nach dem Weg Richtung Verwalltal frage, meint er, daß heute schon rund 40 Biker vorbeigekommen wären, die alle offensichtlich das gleiche Ziel hätten. Die landschaftliche Schönheit des Verwalltals rechtfertigt aber diesen Ansturm. Zudem ist der Anstieg bis zur Schönverallhütte als offizielle Bikeroute ausgeschildert. Für den Autoverkehr gesperrt geht es vorerst auf Asphalt mit angenehmen Steigungsprozenten zum Verwallstausee. Dort macht Peter die ersten Fotos. Er erklärt uns, wie er sich die Fotodisziplin für die nächsten Tage vorstellt. Auf sein Kommando sollten wir nicht planlos umherirren sondern uns selbstauslösergerecht in Reih und Glied vor dem von ihm gewählten Motiv aufpflanzen. Bei der ersten Probe klappt das schon ganz gut.

Nun beginnen wir den Schotteranstieg zur Schönverwallhütte auf 2.007 Meter Seehöhe. Der Weg führt abwechselnd kräftig oder mäßig steigend immer konsequent der Rosanna entlang. Auf halbem Weg ist die Konstanzer Hütte erreicht, an der wir uns aber keine Pause gönnen. Mit dem schönen Wetter im Rücken entfalten die Berge fast Postkartenidylle. Der richtige Einstieg in eine Alpenüberquerung. Die Topographie des Verwalltals erinnert mich an das Ultental, durch das ich vor zwei Jahren bei meiner Alpenüberquerung mit Heli Obrecht gekommen bin. Andi Socher und ich füllen bei einem Stop unsere Trinkflaschen mit dem klaren Wasser der Rosanna. Kein Vergleich mit dem heimischen Trinkwasser aus der Leitung. Das klare Naß ist eine Wohltat für die trockenen Kehlen. Der Schweiß spült den Schmutz des zivilisierten Lebens aus dem Körper. So macht das rythmische Treten wirklich Spaß.

Ab der Schönverwallhütte beginnt ein schwer zu fahrender Pfad, der mit vielen Gesteinsbrocken übersät ist. Dabei wird mein Vorderrad zweimal von einem Stein blockiert und ich stürze, ohne das mir etwas Nennenswertes passiert. Bald wird der Weg steiler und wir müssen tragen. Am besten bewältige ich Tragepassagen wenn ich mir das Bike quer über den Rucksack lege. Dabei wird das Gewicht des Bikes von den Tragegurten des Rucksackes auf beide Schultern verteilt. Würde ich es nur auf einer Seite schultern, hätte ich dort mangels Fettschicht zu große Schmerzen. Der Rucksack wiegt heuer wieder das Gleiche wie in den beiden Jahren zuvor. Mittlerweile kenne ich bereits das Gewicht meiner Unterhosen oder sonstigen Ausrüstungsgegenstände ohne daß ich sie auf der Küchenwaage neu wiegen müßte. Grundsätzlich sollte der Rucksack auf einer Alpenüberquerung 6 kg nicht über-, sondern möglichst unterschreiten. Andernfalls wäre man an den Anstiegen oder langen Abfahrten zu sehr beeinträchtigt.

Nach einer Geländekante sehen wir bereits die Heilbronnerhütte. Jetzt wird auch der Weg wieder fahrbar und zu einem interessanten Singletrail, der in einem ständigen bergauf und bergab an die beiden Scheidseen mündet. Die beiden Seen liegen mit ruhiger Wasseroberfläche sicher zwischen den Bergen eingebettet. Direkt darüber befindet sich die imposante Heilbronnerhütte in aussichtsreicher Position auf 2.320 Meter. Michi Mitsch und ich fahren die letzten Höhenmeter mit gehöriger Neigung zu Hütte rauf. Oben auf der Hütte haben es sich schon einige Biker in der Sonne bequem gemacht. Für sie ist die Hütte Tagesziel. Bald treffen auch Michi Tinzl, Andi Socher und Peter Schöffer ein. Wir lassen uns für gut 1,5 Stunden auf der Terasse der Hütte nieder und genießen die Sonnenstrahlen. Andi Socher, der aufgrund seines Arbeitseinsatzes beim Gmundner Sommerkarneval noch einiges an Schlaf nachzuholen hat, kommt nun endlich zu einem kurzen Nickerchen.

Die Abfahrt von der Hütte ist ziemlich rasant. Ich bin dabei wie immer der Langsamste. Michi Mitsch ist nicht nur ein begnadeter Kletterer sondern auch ein sicherer und schneller Downhiller. Aber auch Andi und Peter beherrschen ihre Bikes in der Abfahrt. Michi Tinzl ist mit seinem neuen Fully wesentlich schneller als mit seinem alten Starrbike. Wir müssen uns aber auch ranhalten, zumal wir nun in die Downhill-Bikearena von Ischgl abfahren. Die Touren sind hier wirklich vorbildlich markiert. Zudem sind die attraktivsten Routen für Biker freigegeben. Ganz anders als im jägerlobbyhörigen Oberösterreich, wo lächerliche 550 km von tausenden Kilometern Forststraßen für eine wahnwitzige Jahresmaut freigegeben wurden.

Nach fast einer halben Stunde Abfahrt vorbei an der Alpe Verbella zweigt der Weg zum Zeinisjoch ab. Wir müssen nochmals kräftig in die Pedale treten und 130 Höhenmeter bewältigen. Oben am Joch kommen wir zu einem Parkplatz mit einer Aussichtsplattform über dem Koppstausee. Die beiden Michis fahren die drei Stufen mit dem Bike rauf. Das löst bei der Juniorenmannschaft des Bundesligisten Bayer Leverkusen, die hier auf Trainingslager ist und einen Radausflug zum Staussee unternahm, Begeisterung aus. Mit ihren Nachahmungsversuchen sind sie aber nicht recht erfolgreich. Vom Zeinisjoch geht es auf Asphalt über die Silvretta-Hochalpenstraße bergab bis Galtür. Der Tacho zeigt teilweise mehr als 70 km/h.

Von Galtür fällt die Straße nur mehr unwesentlich mit kurzen Gegenanstiegen, die ich aber im größten Gang durchtrete. Wir machen auf den verbleibenden 8 Kilometern bis Ischgl mehr als 40 km/h Schnitt. Dafür sind wir dort vollkommen durchgeschwitzt. Bei der Touristeninformation suchen wir uns von der Hotelinformationstafel eine Frühstückspension. Nach der Körperpflege wollen wir eine Pizza essen. Das erste Restaurant verlassen wir aber gleich wieder, nachdem die Kellnerin eine Kostprobe ihrer Freundlichkeit gibt. Auf meinen Hinweis, daß sie das dreckige Tischtuch austauschen sollte meint sie, daß das gar nicht in Frage käme. Im zweiten Lokal klappt es dann und wir schlagen uns den Bauch ordentlich voll.

2. Tag: Ischgl - Heidelberger Hütte - Fimbapaß - Scuol - S-charl, 2.150 Hm, 56 km

Geschlafen haben wir hervorragend. Obwohl Michi Tinzl gestern abend noch gemeint hat, daß ihn der Verkehr auf der Bundesstraße an einem ruhigen Schlaf hindern würde, war er es, der die ganze Nacht geschnarcht hat. Um 7.30 frühstücken wir, allerdings nicht gerade üppig. Deshalb kaufen wir vor dem Start noch in einem Supermarkt ein. Hier in Österreich bekomme ich noch Latella-Molke , die ich beim Biken besonders gern trinke. Für die heutige Etappe habe ich mein altes Nike-Kapperl aufgesetzt, weil Regen zu erwarten ist und mir das Schild der Kappe die Regentropfen vom Gesicht fern hält. Dieses Kapperl hat wirklich schon viel erlebt und ist mir richtig ans Herz gewachsen. Ich habe es mir vor fünf Jahren in Viareggio gekauft und seitdem begleitet es mich auf jeder Alpenüberquerung und auf unzähligen Tagestouren.

Hinter der Kirche von Ischgl beginnt der grausame Asphaltanstieg zur Idalpe. Teilweise fast 30 Prozent Steigung beanspruchen die noch kalte Wadenmuskulatur. Langsam kämpfen wir uns vorwärts. Plötzlich überholt uns Peter mit einem aufmunternden Hoppauf Burschen. Er hat sich am Anhänger eines Traktors angehängt und legt so die ersten 303 Höhenmeter des heutigen Tages relativ gemütlich zurück. Er erzählt uns später, daß der Lenker des Traktors durchaus amüsiert war und auch immer schön in der Mitte der Straße gefahren ist, damit er rechts genug Platz hatte. Natürlich wurden so Autos am Überholen gehindert. Während zwei österreichische Fahrer dies zum Schmunzeln veranlaßte, hat der erste Deutsche wild gestikuliert und gehupt. War natürlich auch nicht anders zu erwarten. Bei der Idalpe zweigt der Traktor ab und Peter wartet auf uns. Wir versuchen, die Atmung wieder in einen ruhigeren Rythmus zu bringen.

Bis zur Bodenalpe haben wir noch Asphalt unter den Rädern. Nach beiden Seiten der Straße durch das Paznauntal zweigen bekannte Bikepisten ab. So könnte man einige Kilometer nach der Bodenalpe südöstlich über das Zellasjoch in das schweizerische Samnaun biken. Skifahrern ist dieser Übergang natürlich bestens bekannt. Hier oben wird fast hektisch gebaut und dem Erschließungswahn gehuldigt. Positiv muß aber erwähnt werden, daß der Skitourismus den Bewohnern dieser äußerst schwierig zu bewirtschaftenden Region zu Wohlstand verholfen hat. Andernfalls müßten viele noch das karge Leben früherer Generationen führen.

Ab der Bodenalpe geht die Straße in Schotter über. Am Ende des Skigebietes zeigt das Hochtal wieder seine ursprüngliche Schönheit und Faszination. Der einsame Charakter der Bergwelt wird durch die nun immer tiefer hängenden Regenwolken unterstrichen. Mitten in diese Stimmung hinein ereignet sich die erste Panne unserer Tour. Michi Mitsch hat seinen ersten Platten. Die Reparatur beansprucht aber nur wenig Zeit und es geht relativ zügig über die grüne Grenze in die Schweiz. Exakt bei der Tafel, die die Staatsgrenze ankündigt, beginnt es zu regnen. Die Heidelberger Hütte, ein großer Berggasthof, ist aber schon in Sicht. Das beschleunigt unser Tempo nochmal wesentlich. Nach gut 10 Minuten sind wir zwar naß aber in der warmen und trockenen Hütte. Ich ziehe mir trockene Sachen an und versuche die nassen Bikeklamotten über dem Kachelofen zu trocknen. In der Hütte treffen wir noch weitere Biker. Schön langsam erreichen auch jene, die gestern auf der Heilbronner Hütte geschlafen haben die Heidelberger Hütte. Bis Sur En im Engadin haben wir noch alle den gleichen Weg. Dann fahren wir über den Costainaspaß, während die beschriebene Route durch die Uina-Schlucht führt.

Ich bin mir ziemlich sicher, daß der Regen nach einer Stunde vorbei sein wird. Da wir bald genug gestartet sind, haben wir auch ausreichend Zeit um abzuwarten. Tatsächlich hört es ungefähr nach dieser Zeitspanne auf zu regnen und wir nehmen die Schiebeetappe zum Fimbapaß in Angriff. Jetzt ist es zumindest halbwegs trocken. Hoch zum Paß sind es gut 350 Höhenmeter. Zwischendurch sind immer wieder ein paar Meter fahrbar. Das Gebiet um den 2.608 Meter hohen Fimbapaß ist von großflächigen, grauen Schotterfeldern umgeben. Bis vor nicht allzu langer Zeit war dieser Weg noch von Gletschern überzogen. Die Natur braucht in dieser Höhe rund 500 Jahre bis der erste zarte Bewuchs das Geröll überzieht. Oben am Paß ist es wie zu erwarten ordentlich kalt. Wir machen die obligaten Gipfelfotos und fahren gleich ab Richtung Vna. In der Zeitschrift "bike" war zu lesen, daß der nun folgende Weg einer der genialsten Singletrails der Alpen sei. Das dürfte auch stimmen. Mit Sicherheit ist er heute aber einer der dreckigsten.

Wir driften zwischen Steinen und Geröll oft irre steil runter, wobei ich die Hinterbremse zumeist blockiere und dem Vorderrad freien Lauf lasse, um den Weg zu suchen. Plötzlich kommen wir zu einer Steilstufe über Felsplatten hinab. Alle schieben. Bis auf einen. Michi Mitsch meint, daß das ein gutes Foto geben würde, geht zurück und fährt das Ganze ein zweites Mal. Es sieht wirklich spektakulär aus. Jedenfalls sind wir bergab ziemlich lange unterwegs und es beginnt wieder ordentlich zu regnen. Der Schmutz verteilt sich schön gleichmäßig über mein Bikedress, meine Arme, Beine und das Gesicht inklusive Bikebrille. Jetzt hat Michi Tinzl einen Platten. Natürlich gibt es lustigere Momente für eine Reparatur als im strömenden Regen.

Während wir warten brausen rund 15 Biker an uns vorbei zu Tal. Der Weg wird immer mehr zu einem Bachlauf, womit auch die Schuhe von unten naß werden. Am Ende des Singletrails erreichen wir ein richtiges Bachbett. Da können wir zumindest die Reifen waschen um beim anschließenden Downhill über eine Forststraße nicht so viele Dreckpatzen ins Gesicht geschleudert zu bekommen. Nun geht es auf Schotter, durch kurze Gegenanstiege unterbrochen, lange bergab bis Vna. Dort erkundige ich mich, wie wir von hier am besten nach Scuol kommen. Dabei muß ich zum ersten Mal italienisch parlieren. Obwohl es zwischenzeitlich zu regnen aufgehört hat ist der hier beginnende Asphalt noch ziemlich naß. Bei der Abfahrt driftet Michi Mitsch mit blockierenden Hinterrad in eine Linkskurve. Dabei ist er aber zu schnell und der Hinterbau seines Bikes rutscht weg. Ich bin knapp hinter ihm und beobachte, ob er die Situation meistert. Tatsächlich kommt er gut aus der Kurve und ich kann mich nun guten Gewissens einem herzlichen Lachen hingeben. Vor der Tour hatte ich neue Bremsbacken auf meine V-Brake montiert. Die sind nach dem heutigen Tag schon ordentlich verschlissen

Am Ende des Asphaltdownhills zweigen wir auf einen Waldweg Richtung Sur En ab. Am dortigen Campingplatz nutzen wir einen Gartenschlauch und befreien unsere Bikes vom ärgsten Schmutz. Dabei beginnt es wieder zu regnen. Deshalb lassen wir uns kurz entschlossen im Gastgarten nieder. Ich rufe oben in S-charl, einem kleinen Bergdorf auf 1.810 Metern, im vorbestellten Quartier an und gebe Bescheid, daß wir heute noch kommen werden. Bis dahin liegen aber noch 16 km und rund 700 Höhenmeter vor uns. Nach einer guten halben Stunde hört es auf zu regnen. Ich treibe die Jungs an, weil ich weiß, daß uns die noch zu bewältigende Strecke einiges abverlangen wird. Kurz hinter Sur En zweigt der Weg in die Uina-Schlucht ab. Ab nun biken wir ohne die große Masse von Alpenüberquerern, die alle der vorgefertigten Routenbeschreibung folgen. Am Gardasee werden sich unsere Wege wieder treffen.

Nach einigen Kilometern erreichen wir eine Kreuzung vor Scuol. Wir vermuten, daß die links abzweigende Straße direkt nach S-charl führt und wir so nicht nach Scuol hinauf müßten. Wir halten eine autofahrende Schweizerin an. Sie meint, daß das die richtige Abzweigung wäre und es von hier ab ordentlich bergauf geht. Michi Mitsch und ich treten gemeinsam in zügigem Tempo hoch. Am Ende des heutigen Tages macht ein Rennen um die Positionsverteilung am Etappenziel nicht mehr wirklich Spaß. Die Straße schlängelt sich am Rande des Engadiner Nationalparks durch das wildromantische S-charltal. Die erste Hälfte des Anstiegs ist noch asphaltiert. Dann geht es auf Schotter weiter. Hier fährt sogar der Postbus hoch. Einige Male müssen wir Bachläufe durchqueren. Nach etwas mehr als einer Stunde erreichen wir S-charl, das aus ca. 15 Häusern besteht. Die beiden Gasthöfe hier oben sind voll belegt. Die heutige Übernachtung im Gasthof Mayor war die einzige, die ich vorab reserviert hatte. Das war auf jeden Fall sinnvoll.

Eigentlich beginnt jetzt, am Ende der heutigen Königsetappe, erst der richtige Streß. Ich wasche meine Bikeklamotten, die Trinkflasche, dusche und rasiere mich, putze die Bikebrille und reinige die Bikeschuhe. Das Abendessen in der urgemütlichen Stube des Schweizer Gasthofes ist eine willkommene Belohnung für den heutigen Tag. Bei fünf Leuten bestimmt natürlich der Schmäh die Gespräche. Oft behindert der plötzliche Lachreiz den Kauvorgang. Damit benötigt man natürlich wesentlich mehr Rotwein, um die Magensäure bei der Verdauungsarbeit zu unterstützen. Während des Essens schüttet es wieder wie aus Kübeln. Die Kellnerin erzählt uns, daß die Straße, die wir hochgefahren sind, überschwemmt wurde und einige Gäste nicht mehr hochgekommen sind. So gesehen haben wir mit dem Wetter heute, obwohl wir einige Male naß geworden sind, doch Glück gehabt.

3. Tag: S-charl - Costainaspaß - Münstertal - Paß Val Mora - Bormio, 1.690 Hm, 68 km

Heute habe ich das Zimmer mit Michi Tinzl geteilt. Trotz seiner ausgefeilten Schnarchtechnik wache ich sehr erholt auf. Nach dem üppigen Frühstück, endlich mit Müsli, hole ich die Bikeklamotten aus dem Heizraum. Da nicht alles restlos trocken wurde, binde ich mir einige Sachen außen auf den Rucksack. Vor dem Start ölen wir noch unsere Ketten, die durch die gestrige Nässe ziemlich mitgenommen wurden. Um 8.45 starten wir von S-charl Richtung Costainaspaß. Ein Wildaufseher hat gestern zu Michi Tinzl gemeint, daß dies hier die wesentlich schönere Möglichkeit sei, um ins Münstertal zu gelangen. Der Weg durch die Ausläufer des Nationalparks verläuft vorerst in einer moderaten Steigung. Dies gibt uns ausreichend Möglichkeit, die Blicke durch das Tal schweifen zu lassen und seine Schönheit, noch dazu bei Sonnenschein, zu genießen. Das weit offene S-charltal strahlt eine überwältigende Ruhe und Gelassenheit aus. Nur wir fünf Biker stören diese Idylle. Eigentlich sollte man eher sagen, wir fügen uns nahtlos in sie ein.

Erstmals höre ich auf dieser Tour Murmeltiere pfeifen, was die Einsamkeit hier oben unterstreicht. Nach 300 Höhenmetern endet die Forststraße bei der Alp Astras. Zwei junge Südtiroler bewirtschaften die Alp. Mit voller Lautstärke dröhnt "shadow in the wall" aus der Käserei. Weil es auf dieser Höhe doch schon einigermaßen kühl wird, ziehen wir uns etwas über. Hinter der Alp beginnt ein Saumweg, der bis zum Paß fahrbar ist. In mäßiger Steigung führt er über erodierten Almboden, durch vereinzelte Bachläufe und teilweise mit Gesteinsbrocken überzogen zwischen Büschen hindurch und über weite Wiesen bis zum Costainaspaß auf 2.251 Meter. Ein richtiger Uphillgenuß.

Vom Paß geht es steil über einen aus dem Fels herausgebrochenen Weg Richtung Lü. Hinter einer Biegung kippt der Weg nochmals steiler nach unten und führt dabei über einige Felsstufen. Hätte ich die Passage vorher gesehen, wäre ich sicher abgestiegen und hätte geschoben. Jetzt bin ich aber schon mitten drinnen und noch dazu in den Pedalen eingeclickt. Es bleibt nur mehr eine Möglichkeit. Bremsen auf und voll durch. Ein leichtes Angstgefühl begleitet mich auf diesen paar Metern bergab. Die Kollegen meinen dann, jetzt wüßten sie eine praktikable Möglichkeit, um aus mir einen ordentlichen Downhiller zu machen. Sie werden mich vor der nächsten Steilstufe einfach ablenken, so daß ich sie übersehe. Nach rund einem Kilometer wird der Weg wieder gemäßigter. In rasanter Fahrt geht es über eine immer an der Felskante entlangführende Schotterstraße bis Lü.

Von dort fahren wir über die Asphaltstraße bergab bis Valchava. Die Tempoanzeige des Tachos leistet wieder einmal Schwerarbeit. In Valchava im Münstertal machen wir im einzigen Gasthaus des Ortes Mittagspause und essen Spaghetti. In der Zeitung lesen wir, daß Pantani auf der gestrigen Etappe der Tour de France mit 6 Minuten Vorsprung das gelbe Trikot übernahm. Dies motiviert natürlich für den nun folgenden Anstieg.

Von Valchava geht es vorerst über einen Waldweg, der bald zur Schiebestrecke wird, bergauf ins Val Mora. Dabei machen wir gleich 200 Höhenmeter. An einer Wanderwegkreuzung beratschlagen wir kurz, welchen Weg wir nehmen sollen. Wir entscheiden uns für die aus unserer Sicht besser aussehende Alternative und rollen über eine kleine Bachbrücke direkt zur Forststraße. Die steigt gleich mit geschätzten 23 bis 25 Prozent und das, obwohl ich erst die Spaghetti verdauen muß. Nach einigen Kilometern kommen wir aus dem Wald heraus und haben freien Blick auf die Berge rund um das Val Mora. Der Tip aus einer Newsgroup im Internet, nicht über die Umbrailpaßstraße auf´s Stilfserjoch sondern durchs einsame und überwältigende Val Mora zu biken, war wirklich ein Volltreffer. Selten habe ich eine beeindruckendere Kulisse erlebt. Viele Teile der heurigen Route habe ich mittels eigenem Kartenstudium geplant. Um zusätzliche Hinweise über die Fahrbarkeit oder Attraktivität von Streckenabschnitten zu erhalten, habe ich entsprechende Fragen in einer Biker-Newsgroup gestellt und teilweise wirklich brauchbare Antworten von Locals erhalten.

Jetzt haben wir noch 600 Höhenmeter bis zur Döss Radond, dem höchsten Punkt im Val Mora, vor uns. Die fahren wir ohne Pause durch. Ich habe Michi Mitsch immer konstant rund 150 Meter vor mir im Blickfeld, Michi Tinzl ungefähr mit dem gleichen Abstand hinter mir. Dann muß ich nochmals ordentlich Gas geben, um das Tempo von Mitsch halten zu können. Dabei versuche ich, möglichst viel von der Traumkulisse rund um mich mit meinen Blicken aufzusaugen. So vergeht die Zeit bis zu Döss Radond, einer kleinen Almhütte, relativ schnell. Michi Tinzl nützt, nachdem wir uns etwas übergezogen haben, die Gelegenheit, sich in sonnenbadender Pose in die Almwiese zu werfen. Vor der Abfahrt gibt er mir den Tip, das verschwitzte Leibchen über die Windjacke anzuziehen, damit es durch den Fahrtwind trocknen kann. Nun führt uns die Forststraße noch rund 8 Kilometer ins Val Mora rein, wobei die Bikes nun leicht bergab rollen. Nachdem wir uns jetzt Livigno nähern, kommen uns auch wieder mehr Wanderer entgegen. Bei der Alp Mora zweigt ein Waldweg zum Paß Val Mora ab. Er überquert immer wieder Bachläufe. Einer davon ist so tief, daß ich mir dabei den Hosenboden ordentlich mit Wasser anfülle. Der Weg wird immer enger und geht von Waldboden in tiefen Schotter über. Am Beginn eines Bachbettes, an dem sich der Weg ab nun rund 3 km entlangschlängelt, gelangen wir an eine Wiese, die zum Verweilen einlädt.

Michi Mitsch meint, daß die 6 Meter tiefe Hangabbruchkante, die dann gerade ins Bachbett übergeht, mit einem bergab rollenden Biker eigentlich ein gutes Foto abgeben würde. Peter meint, daß er ihn natürlich dabei fotografieren würde. Ich bin mir sicher, daß er da nicht ohne Sturz runterkommt. Tatsächlich steigt er beim Übergang ins Flache über den Lenker ab. Dabei schürft er sich die Brust auf und schlägt sich die Nase blutig. Im Vorderrad hat er jetzt einen ordentlichen Achter. Für Michi Tinzl wieder eine reparaturmäßige Herausforderung, die er mit Bravour meistert. Nach einer halben Stunde und einem Schwätzchen mit zwei schweizer Bikern fahren wir weiter. Der Weg verläuft, zum Teil halsbrecherisch, immer knapp an der Hangabbruchkante entlang. Dabei mache ich einmal vor Schreck einen ordentlichen Wackler über dem Abgrund. Zum Sterben wär es zu wenig gewesen, aber ordentlich weh getan hätte ich mir bei einem Sturz schon. Mit gehörigem Respekt bewältige ich die letzten Kilometer durch das Tal.

Der Paß Val Mora, den wir nun erreichen, ist gleichzeitig die Grenze nach Italien. Nach einigen Kilometern Abfahrt wäre Livigno erreicht. Unsere Route führt uns aber nach Bormio. Bevor es weitergeht, müssen wir uns erst einmal die Berge rund um uns genauer ansehen und einige Fotos machen. Ich dränge aber bald zum Aufbruch, weil wir noch einiges vor uns haben. Wir müssen nun über Geröllfelder schwer bis zum Lago Cancano treten. Er liegt gemeinsam mit dem Lago Giacomo hoch über Bormio. Die beiden betonumrandeten Stauseen stören den Bilderbuchcharakter dieses Tales ein wenig. Die Strecke entlang der beiden Seen bis zum Rifugio Solena ist doch einige Kilometer lang und zieht sich jetzt schon einigermaßen. Vom Rifugio geht es über die Staumauer und noch gut 100 Höhenmeter hoch zum Torre Fraele, einem alten Wehrturm, von dem man schon fast auf Bormio runtersehen kann.

Von hier hat man den ersten freien Blick auf die Gletscher des Adamello-Presanella Massivs. Östlich kommt die Paßstraße vom Stilfserjoch runter. Runter nach Bormio gehts über 18 Kehren. Obwohl es auf Schotter bergab geht sind dabei einige Autos zu überholen. Die Autofahrer machen dabei aber relativ rasch den Weg frei. Nur einer stellt sich wirklich saublöd an. Es müßte eigentlich nicht extra erwähnt werden, daß er ein deutsches Kennzeichen spazieren fährt. Am Ende der Kehren geht´s geradeaus weiter bergab bis Bormio. Dabei zeigt der Tacho wieder mehr als 60 km/h. Und das auf Schotter. Plötzlich schießt ein Biker an mir vorbei. Mein erster Gedanke ist natürlich, daß das nur Michi Mitsch sein kann. Diesmal war´s aber ein Local, der die Strecke wahrscheinlich wie seine Westentasche kennt.

Die letzten 3 Kilometer bewältigen wir auf Asphalt bis Bormio. Beim Ortsschild schauen wir auf den Kilometerzähler. 68 Kilometer bis hierher. Für die heutige Etappe habe ich aus der Karte 68 km geschätzt. Natürlich war die exakte Vorausschätzung mit einigem Glück verbunden. Ich erinnere mich gut, daß ich eigentlich 70 km kalkuliert hätte, aber aus psychologischen Gründen die Entfernung um 2 Kilometer abgerundet habe. Dennoch freue ich mich darüber. Wer des Kartenlesens kundig ist, weiß, wie schwer Entfernungen exakt aus der Topographie eines Geländes abzulesen sind.

Peter, der wahrscheinlich auf seinem Bike schon mehr als wir anderen vier gemeinsam gesehen hat, meint, daß dies seine bisher beste und schönste Tagestour war. Bisher muß ich sagen, daß meine dritte Alpenüberquerung die landschaftlich sicher Spektakulärste ist. Ich weiß ja warum ich diese Route, die ich an langen Winterabenden ausgearbeitet habe, heuer unbedingt fahren wollte. In Bormio suchen wir uns ein uriges Gasthaus, in dem wir Quartier beziehen. Das Abendessen gestaltet sich heute etwas nobler, wenn die Badeschlapfen und die Laufhose im Restaurant auch etwas deplaziert wirken. Nachher sitzen wir noch lange in einer Konditorei und diskutieren bis 23.30 Uhr. Danach muß ich mich in der Gaststube noch mit unserem Wirteehepaar über den ehemaligen Grenzverlauf der österreichisch-ungarischen Monarchie unterhalten. Damals war Bormio noch Grenzort nach Süden und gehörten Teile der Lombardei noch zu Österreich. Für uns Biker ist heute allerdings nur von Bedeutung, daß die Lombardei südlich des Alpenhauptkammes liegt und wir deshalb hoffentlich weiterhin gutes Wetter haben werden.

4. Tag: Bormio - S. Caterina di Valfurva - Gaviapaß - Precasaglio, 1.550 Hm, 45 km

Michi Mitsch und ich haben heute morgen verschlafen. Peter klopft um 7.30 an unsere Zimmertür, obwohl wir um diese Zeit schon beim Frühstück sitzen wollten. Den Zeitverlust können wir heute verschmerzen, weil wir eine Erholungsetappe eingeplant haben. Zwar liegen mehr als 1.500 Höhenmeter vor uns, aber zur Gänze auf Asphalt. Der ist doch wesentlich einfacher zu befahren als Schotter oder vielleicht sogar Geröll.

Nach einem wiederum typisch italienischen Frühstück, Weißbrot und Portionspackerl, starten wir um 9.00 Uhr. Ich frage noch den Wirt, wie alt sein Haus, das liebevoll restauriert ist, sei. Das war vielleicht nicht so klug. Nun erzählt er uns ausgiebig, daß er schon seit 30 Jahren an diesem alten Gemäuer aus dem 16. Jahrhundert herumbastelt. Daß wir uns für seine Tätigkeit interessieren und ihm auch noch geduldig zuhören, dürfte ihn sehr gefreut haben. Er läuft nämlich noch schnell in den Weinkeller und drückt uns eine Flasche Rotwein als Wegzehrung in die Hand. Peter, der als einziger Packtaschen an sein Bike montiert hat, steckt die Flasche ein. Der Wirt erklärt uns noch den Weg zu einem Bikeshop, wo wir eine Schraube, die Andi an seinem SPD-Pedal verloren hat, ersetzen wollen. Allerdings kann man ihm dort auch nicht weiterhelfen. So starten wir nun endgültig die heutige Etappe.

Vorerst müssen wir leider im Verkehr über die Bundesstraße 13 km und 700 Höhenmeter nach Santa Caterina di Valfurva, von wo die Paßstraße zum Gavia abzweigt, treten. Nach einigen Kilometern hat Andi einen Platten. Die Pause nützen wir zum Einkaufen. Bei der Reparatur läßt Michi Tinzl einen Reifenheber in den Schlitz eines Lüftungsschachtes fallen. Ich frage deshalb im Gemeindeamt, daß sich im Gebäude hinter uns befindet, ob wir nicht durch den Keller irgendwie rankommen könnten. Tatsächlich begibt sich ein Gemeindebedienster mit uns in das Untergeschoß und ich kann durch ein Fenster in den Schacht greifen. Ich finde den Reifenheber wirklich und wir können weiterfahren. Zu fünft treten wir im Konvoi den Berg hoch. Michi Tinzl, regelmäßig während der Tour de France vom Rennsportfieber bis in die Zehenspitzen durchzogen, imitiert eine Berichterstattung: "Der Telekomzug sorgt an der Spitze des Feldes unaufhörlich für Tempo. In dieser Phase des Rennens denkt jeder nur mehr an die nächsten fünf Kilometer." Dann muß er kurz schnaufen. Plötzlich Michi Mitsch: "Tinzl, hoalt die Pappn!" Bald verleidet uns aber die immer heftiger werdende Steigung das Schmähführen und wir konzentrieren uns wieder auf unsere eigentliche Tätigkeit. Noch dazu wird es jetzt schon ordentlich warm. In Santa Caterina warten wir um den Anstieg zum Gaviapaß gemeinsam zu beginnen.

Ab jetzt liegen bis zum 2.621 Meter hohen Paß noch 13 km und 800 Höhenmeter vor uns. Michi Mitsch beginnt sofort in seinem Tempo und ich versuche auch gar nicht mitzuhalten. Gemeinsam mit Michi Tinzl trete ich die ersten Kehren hoch. Er meint aber, daß ich vorfahren soll, weil ihn mein Wechseltempo total aus dem Rythmus bringt. Nach gut 100 Höhenmetern erledigt sich das Problem von selbst, weil mir trotz Sonnenschein ob der erreichten Höhe kühl wird und ich deshalb ein Unterleibchen anziehe. Dabei lasse ich mir Zeit und fülle die Trinkflasche an einer Quelle auf. Der Blick auf das gegenüberliegende Valle du Zebru ist wirklich faszinierend. Es ist eine Freude, hier zwar auf Asphalt aber fast ohne Autos hochzutreten.

Immer höher schraubt sich die Gavia-Paßstraße, über die auch der Giro schon einige Male drüber ging. Nach weiteren 300 Höhenmetern, auf denen ich doch ordentlich Tempo gemacht habe, sehe ich Michi Tinzl wieder eine Kehre ober mir. Ich komme schnell an ihn heran und er meint, daß er ziemlichen Hunger hätte. Im Stile eines Edeldomestiken greife ich im Fahren in die Außentasche meines Rucksackes und reiche ihm eine Banane rüber, die ihm auch wirklich weiterhilft. Jetzt ist es nicht mehr weit zum Paß. Ich beschleunige nochmals das Tempo und sehe bald das Rifugio vor mir. Michi Mitsch wartet schon und wir ziehen uns gleich um. Auf 2.621 Meter ist es trotz schönem Wetter schon einigermaßen kühl. Dann klettern wir noch einige Meter zu einer Hochfläche, von wo wir einen imposanten Blick auf die Gletscher des Adamello-Presanella Massivs haben. Unter uns liegt der Tonale-Paß, den wir morgen nicht direkt überqueren, sondern auf dem Weg über die Montozzo-Scharte umfahren werden.

Nachdem wir komplett sind gehen wir ins Rifugio, wo wir Spaghetti und Polenta essen. Das Rifugio ist voller Fotos über die letzten Giro-Etappen. Am 5. Juli 1988 führte die Etappe im Schneetreiben über den Passo Gavia. Sogar Ansichtskarten gibt es, welche die Leiden der Fahrer dokumentieren. Ich kaufe zwei Karten und sende sie direkt vom Rifugio an meine Linzer Adresse. Eine davon für Andrea, eine für mich. Nach dem Essen geht es gut verpackt über die mit Anfeuerungsparolen vollgeschmierte Straße bergab Richtung Ponte di Legno.

Nach den ersten beiden Kehren bremsen wir die Bikes ab und halten inne. Der sich nun bietende Tiefblick übersteigt unser Ausdrucksvermögen. Erst nach einer ausreichenden Anzahl an geschossenen Fotos wagen wir es, weiter zu fahren. Unzählige Rennradfahrer kommen die Kehren hoch. Ein durchaus schnittig gekleideter Italiener scheint jeden Moment vom Rad zu fallen. Er bittet uns um eine Kleinigkeit zum Essen. Er hat vergessen, einen Müsliriegel einzustecken und befindet sich nun mitten in einem Hungerast, das heißt, daß seine Glykogenspeicher vollkommen leer sind. Jeder, der dies schon einmal erlebt hat, weiß wie grausam dies sein kann. Von einer Minute auf die andere kann man nicht einmal mehr auf einem geraden Stück treten, geschweige denn bergauf. Peter greift in seine Packtasche und zieht einen Powerbar hervor. Der Italiener ist natürlich überglücklich, weil er mit dieser Profinahrung sicher nicht gerechnet hat.

Leider müssen wir bergab auch einige Autos überholen, die hier wirklich sehr stören. Eher nicht alltäglich ist das nächste Hindernis. Eine Bäuerin treibt eine Herde mit rund 10 Kühen die Paßstraße hinunter. Einer hupenden Autofahrerin droht sie mit ihrem Stock. Unterbrochen von einigen Sightseeingstops erreichen wir einen unbeleuchteten Tunnel, den wir auf der tief geschotterten, alten Straße umfahren. Nur Peter ist durch den Tunnel gefahren und offensichtlich etwas zu schnell. Er erzählt uns später, daß er in einer Kurve fast in die Seitenwand des Tunnels gekracht wäre. Erst als er sich die Bikebrille runtergerissen hat, konnte er etwas erkennen. Auf dem Schotter holt sich Andi den zweiten Platten für heute. Die Reparatur vor dieser grandiosen Bergkulisse kann aber durchaus als willkommene Pause gewertet werden.

Am Ende der rasanten Abfahrt müssen wir uns wegen der nun wieder gegebenen Hitze rasch bis auf Biketrikot ausziehen. Wir biegen nun von der Paßstraße ab und fahren einen Kilometer steil hoch nach Pezzo, einem reizenden kleinen Bergdorf, in dem unsere morgige Tour startet. Meine Frage nach Unterkunftsmöglichkeiten im Dorf wird verneint. Man gibt uns den Tip, in das Nachbardorf Precasaglio zu fahren, weil dort ein Albergo sei. Eigentlich wären wir gerne hier oben geblieben. Jetzt müssen wir wieder 200 Höhenmeter runter, die wir morgen am Beginn unserer Etappe zusätzlich zu bewältigen haben.

In Precasaglio, das auf 1.380 Metern liegt, treffen wir gleich am Ortseingang auf das Albergo. Es sieht recht einladend aus und ich frage gleich nach freien Zimmern. Wir kommen problemlos unter und trinken noch vor dem Duschen eine von Michi Tinzl spendierte Runde Campari auf der Terasse. Heute haben wir genug Zeit, um uns ein wenig die Füße zu vertreten. Wir waschen wieder einmal die verschwitzten Bikesachen. In meinem Eifer wasche ich beide Bikehosen, was nicht sehr intelligent ist. Ich hoffe nur, daß morgen zumindest eine davon trocken ist. Der Wirt zeigt mir aber noch den Heizraum, womit morgen ein trockenes Gesäß garantiert sein dürfte. Das Abendessen im Albergo dauert heute sehr lange. Wir essen zwei große Töpfe Spaghetti aglio e olio und trinken dazu unter anderem den Wein, den Peter über den Gaviapaß bis Precasaglio mitschleppte. Damit hat er sich unseren Respekt wirklich hart verdient.

5. Tag: Precasaglio - Forcellina di Montozzo - Pejo - Mezzana, 1.275 Hm, 40 km

Das heutige Frühstück besteht wieder aus der schon bewährten Kombination Weißbrot mit Packerl. Dennoch war dieses Albergo ein guter Stützpunkt. Als wir die Bikes aus dem Abstellraum holen, sehen wir die vom Wirt angebrachte Tafel "Non toccare le biciclette - die Bikes nicht berühren". Das war eine gute Idee. Um 9.00 Uhr starten wir. Erst müssen wir wieder die 200 Höhenmeter rauf nach Pezzo, wo wir beim örtlichen Nahversorger einkaufen. Die Geschäfte strahlen hier noch jene Ruhe aus, die in unserer hektischen Supermarktwelt bereits seit langem verloren gegangen ist.

Hinter Pezzo geht´s vorerst noch auf Asphalt gleich kräftig hoch bis zu den Häusern von Case di Viso. Der Ort wirkt wie ein riesiges Freilichtmuseum. Ca. 25 rund 3,5 Meter hohe Häuser aus Natursteinen gruppieren sich um einen Gebirgsbach und eine Schotterstraße. Von hier startet die Schotterpiste, die in unzähligen Kehren und ordentlich steil zum Rifugio Bozzi auf 2.480 Meter leitet. Der Untergrund wechselt zwischen groben Schotter, losen Steinen und erodierten Erdboden. Zwischendurch unterhalte ich mich im Fahren mit einem Wanderer aus Mailand. Er ist zu Fuß nur unwesentlich langsamer als ich auf dem Bike. Da während der Plauderei Michi Tinzl aufschließt fahren wir die restliche Steigung bis zur Hütte gemeinsam. Ein Militärmuli, der Zelte zum Rifugio transportiert, quält sich ebenfalls die Steigung hoch. Bei einigen Kehren muß er mehrmals reversieren. Das nützt Peter um sich wieder einmal an die Ladefläche zu hängen und hoch ziehen zu lassen. Allerding kann er sich auf diesem losen Untergrund nur rund 100 Höhenmeter halten.

Der Anstieg ist teilweise so schwer zu fahren, daß ich sogar einmal aus den SPD-Pedalen kippe und einmal fast mit dem Vorderrad über eine Kehre hinausfahre. Nach etwas mehr als einer Stunde auf diesem Weg kommt die Hütte in Sicht. Die erste Bikegarnitur ist schon wieder völlig durchgeschwitzt und ich ziehe mir sofort trockene Sachen an. Ein Foto der Hütte habe ich bereits im Internet gesehen. Dennoch bin ich vom rauhen Charme der Hütte, die über einem kleinen See liegt und einen direkten Blick auf die Montozzo-Scharte bietet, überwältigt. Die kleine Hochebene gleicht einer Karstlandschaft in der sich keine Vegetation mehr halten kann. Nur mehr wenige Wanderer nehmen den schweißtreibenden Anstieg zum Rifugio Bozzi auf sich. Lediglich das Militär, das hier ein Zeltlager errichtet hat, sorgt für Leben.

Im Rifugio essen wir erst mal ausgiebig Pasta, trinken Tee und Bier. Nach einer Stunde nehmen wir die letzten 135 Höhenmeter hoch zur Forcellina di Montozzo in Angriff. Der Anstieg zur Scharte beträgt gut 35 Prozent. Immer wieder versuche ich zu biken, was allerding jeweils nur wenige Meter gelingt. Nach jedem Mal bin ich vollkommen außer Atem, weil die Luft hier oben doch schon um einiges dünner ist. Oben auf der Scharte ist es trotz gutem Wetter ordentlich kalt und es bläst ein starker Wind. Deshalb fahren wir so schnell es geht ab Richtung Pejo. Es gibt einige wirklich gute Singletrails in den Alpen. Dieser gehört sicherlich zu den besten. Der erodierte Boden ist aber bald von Steinen übersät. Das heißt, daß Michi Tinzl und ich ich einen Teil des Trails zu Fuß zurücklegen, was in dieser herrlichen Bergwelt ja nicht unbedingt ein Fehler sein muß, zumal man die herrlich klare Bergluft länger genießen kann.

Michi war dann an einer Stelle aber offensichtlich doch zu schnell. Andi macht ihn bei einer Pause auf sein Vorderrad aufmerksam. Er hat sich an einem Stein den Mantel aufgeschlitzt und nun ragt ein Blase seines Schlauches aus dem Mantel heraus. Noch einige Meter und der Schlauch wäre geplatzt. Der plötztliche Luftverlust im Vorderreifen hätte einen bösen Sturz verursachen können. Hier können wir die Panne nur provisorisch reparieren. Michi Tinzl klebt auf die Innenseite des Mantels drei Lagen eines Klebebandes. Das hält so schlecht und recht für einige vorsichtige Kilometer. Dennoch sollte er im nächsten Bikeshop einen neuen Mantel kaufen.

Nach langer Abfahrt mit teilweise längeren Schiebepassagen für Michi Tinzl und mich erreichen wir den Lago Pian Palú auf 1.800 Meter. Der See glitzert in einem tiefen Grün zwischen den Bergen des Pejotales. Diese Einladung wollen wir uns nicht entgehen lassen und machen am Ufer Rast. Nackt springen wir ins kühle Naß. Dann sucht sich jeder einen Stein, auf dem wir uns von den Sonnenstrahlen trocknen lassen. Nach einer guten halben Stunde fahren wir weiter zum Rifugio Fontana. Neben dem Rifugio ist eine Kapelle um eine kleine Quelle gebaut, aus dem ein angeblich gegen alle möglichen Leiden helfendes Wasser aus einem Rohr läuft. Peter und ich füllen unsere Trinkflaschen damit auf. Allerdings trinke ich nicht viel davon. Entweder schmeckt das Wasser so metallisch oder es hat schon lange den Geschmack der Rohre angenommen.

Ab hier beginnt der Asphaltdownhill nach Pejo Terme und weiter bis Cogolo. Beim ersten Bikeshop bleiben wir stehen. Michi Tinzl findet tatsächlich einen Mantel für sein Vorderrad. Allerdings sind wir alle der Meinung, daß das kräftige Rot überhaupt nicht zu seinem roten Bike paßt. Er läßt sich nicht beirren und montiert den Reifen trotzdem. Ich nütze einstweilen die Pause um vom Kirschbaum des benachbarten Hauses zu naschen. Während ich am Zaun stehe biegt der Besitzer des Hauses mit dem Auto in die Einfahrt. Mein Italienisch ist zwar ganz gut. Einige seiner Flüche verstehe ich allerdings nicht, obwohl ich mir größte Mühe gebe. Dann macht mich Peter darauf aufmerksam, daß in dem Bikeshop die Briko-Brillen verbilligt sind. Tatsächlich gibt es eine gelbe Briko-Stinger, nach der ich schon länger gesucht habe. Ich überlege nicht lange und erwerbe das gute Stück.

Nach dem Zwischenstopp geht es auf Asphalt weiter bis Fucine am Fuß des Tonale-Passes. Nach einigen Kilometern erreichen wir Mezzana, den Startort unserer morgigen Etappe. Wir suchen als erstes die Touristeninfo auf. Die Angestellte meint, daß wir mit unserer Preisvorstellung von 45.000 Lire für Übernachtung mit Frühstück nicht viel bekommen werden. Die Garnis sind alle ausgebucht. Sie telefoniert mit einem Dreisternehotel, wo die Übernachtung 100.000 Lire kostet. Zu meiner Verwunderung zeigt man sich sofort mit dem von uns vorgeschlagenen Preis einverstanden. Da sagen wir natürlich umgehend zu. Nach der Körperpflege suchen wir uns eine gute Pizzeria, in der wir unsere Kohlehydratspeicher wieder aufladen.

6. Tag: Mezzana - Rifugio Orso Bruno - Madonna di Campiglio, 1.650 Hm, 32 km

Heute morgen gibt`s zu unserer Freude wieder Müsli. Das heißt, wir können wirklich ausgiebigst frühstücken. Vor unserem Aufbruch unterhalte ich mich mit dem Sohn des Hotelbesitzers über die Tourenplanung für heute. Er meint, daß die von mir vorgesehene Forststraße zu steil wäre und wir zuviel schieben müßten. Da er selbst offensichtlich ein ganz guter Biker ist, glaube ich ihm und wir entscheiden uns für die Asphaltstraße bis Marilleva. Von dort werden wir einen Schotterweg bis zu den Laghi del Malghette nehmen. Auf der Karte sieht die einigermaßen machbar aus. Eine Beschreibung für die geplante Route existiert nämlich noch nicht. Von Mezzana geht es nun 9 km und 600 Höhenmeter auf Asphalt gleichmäßig bergauf. Dabei fährt wieder jeder sein eigenes Tempo. Obwohl wir zu fünft unterwegs sind, ist auf den langen Anstiegen jeder für sich alleine. Am Berg muß jeder seinen Atem- und Tretrythmus individuell festlegen. Ich versuche speziell am Beginn eines Tages rund zu treten und keine Sauerstoffschuld einzugehen. Andernfalls würde der Leistungsverlust am Ende des Tages um ein Vielfaches höher sein als die am Beginn gewonnene Zeit.

Plötzlich schießt Peter im Sprint an mir vorbei. Zuerst kann ich mir nicht vorstellen, was er damit bezweckt. Erst als mich ein Milchtransporter überholt, wird mir klar, daß er sich wieder einmal anhängen will. Er hat uns erklärt, daß dieser Vorgang auf einer eigenen Wissenschaft beruht. Das Tempo von Zugfahrzeug und Radfahrer muß im Zeitpunkt des Einhängens annähernd ident sein. Andernfalls würde er nach vorne gerissen und bestünde die Gefahr, daß er unter die Räder kommt. Peter hat damit auch einmal klein angefangen. Die ersten Übungsobjekte waren die italienischen Dreiradvespas. Heute wagt er sich schon an Lastwägen von der Größe dieses Milchtransporters. Gemeinerweise beschleunigt dieser in der Kurve nochmals und Peter kann ihn nicht greifen. So muß auch er wohl oder übel die Asphalttortur über sich ergehen lassen.

An der Ortstafel von Marilleva, ein Retortenskiort, von dem aus man nach Madonna gondeln kann, warten wir zusammen. Meine Bikedress ist bereits wieder ziemlich vollgeschwitzt. Dennoch wechsle ich sie nicht, weil wir nach einer kurzen Abfahrt auf den Forstweg zu den Laghi treffen sollten. Auf steilen Kehren geht es durch den Skiort bergab. Weil ich den richtigen Weg nicht finde, frage ich in einer Bar und die Kellnerin beschreibt mir die entspre-chende Abzweigung. Allerdings liegt diese wieder drei Kehren bergauf. Obwohl wir nur rund 70 Höhenmeter zurück müssen, hält sich die Begeisterung in Grenzen. Um die Laune hochzu-halten, schlage ich eine Cappuccino-Pause vor. Nach rund 40 Minuten radeln wir hoch zur Abzweigung. Der Weg hält wirklich, was die Karte ob der ziemlich direkt überwundenen Höhenschichtlinien verspricht. Zudem sind die Forstwege hier im Trentino eher mit heimischen Gebirgswegen zu vergleichen. Die Steigung erreicht an einigen Stellen fast 25 Prozent. Ich versuche ohne zu große Anstrengung hochzukurbeln. Einmal muß ich kurz absteigen, weil der Weg hinter einer Kehre nochmals unvermutet steiler wird. Zwischendurch fragt mich eine italienische Wanderin, ob es mir Spaß macht, hier mit dem Bike hochzufahren. Ich keuche ihr als Antwort entgegen, warum sie glaubt, daß ich das mache.

Am Ende des fahrbaren Weges auf 2.000 Metern ist die Malghetto Copai, eine kleine Stein-hütte mit Stall, erreicht. Plötzlich beginnt es aus den mittlerweile aufgezogenen Wolken heftig zu regnen. Wir retten uns noch fast trockenen Fußes in die Hütte. Peter versucht, im Kamin der Hütte ein Feuer zu entfachen, ein Projekt, in das er sich begeistert vertieft. Umso größer ist seine Freude, als auch die großen Scheite endlich Feuer fangen. Jetzt könnten wir es durchaus länger hier drinnen aushalten. Einige Wanderer gesellen sich zu uns. Da es sich aber nur um einen kurzen Gewitterregen handelt, können wir nach einer halben Stunde im Sonnenschein aufbrechen. Nach einigen hundert Metern erreichen wir den ersten der beiden Laghi del Malghette. Ab hier beginnt eine üble Tragepassage über einen steilen Kamm. Ich kann mir das Bike nicht quer über den Rucksack legen, weil der Weg zu eng ist. Deshalb muß ich es des öfteren absetzen. Wenn ich zurückschaue, bietet sich ein toller Tiefblick auf die beiden Seen. Blöderweise sind nun auch die Sträucher, durch die wir uns zwängen, naß. Deshalb sind wir froh, als wir nach 150 Höhenmeter eine kleine Hochebene erreichen, auf der ein Lift des Skigebietes ankommt. Ich klettere einige Meter höher, um mir einen Überblick zu verschaffen. Von hier kann man das Rifugio Orso Bruno schon sehen.

Aus meiner Sicht haben wir nun zwei Möglichkeiten. Entweder über die Skiabfahrt runter und auf der Schotterstraße einige hundert Höhenmeter bergauf oder das Bike tragend den Wanderweg am Kamm entlang. Während wir beratschlagen, trottet eine Kuhherde auf uns zu. Eine Kuh schleckt meinen Oberschenkel ab, weil sie das Salz im Schweiß wittert. Wir entscheiden uns für den Wanderweg und nehmen die Schiebe- und Tragestrecke in Angriff. Der Weg führt bergauf und bergab über Felsen zwischen Büschen hindurch. Nach ca. einer halben Stunde haben wir den Schotterweg zur Hütte fast erreicht. Wir sehen die Hütte schon über uns. Vier Kehren trennen uns noch von ihr.

Da beginnt es wieder wie aus Kübeln zu schütten. Einige Kilometer entfernt von uns blitzt und donnert es schon. Wir beschleunigen unseren Schritt und eilen die Kehren hoch. Plötzlich umhüllt uns ein gleißendes Licht und noch bevor dieses erloschen ist, kracht es fürchterlich. Irgendwo in einem Umkreis von 200 Metern muß der Blitz eingeschlagen haben. Andi, der gut 100 Meter hinter mir am Ende der Gruppe war, hat den Schlag gespürt. Nun geht der Regen in Hagel über. Ich sage Michi Tinzl, der sich irgendwo unterstellen will, daß dies nun keinen Sinn mehr hat sondern wir die Hütte so schnell als möglich erreichen sollten. Michi Mitsch stürmt den Berg besonders schnell hoch. Peter hat ihm nämlich lapidar gesagt, daß er sich mit einem Stahlbike, wie Michi es hat, nun ordentlich fürchten würde. Als wir die Hütte erreichen, ist diese geschlossen. Michi will schon in den Winterraum stürmen, da öffnet uns eine Frau die Tür und meint, wir sollen reinkommen. Während wir die nassen Sachen zum Trocknen aufhängen, erzählt uns die Wirtin, daß die Naturschutzbehörde zahlreiche Hütten im Trentino geschlossen hat, weil deren Gastanks noch oberirdisch liegen. Die Umbauunterbrechung wird auch für eine Renovierung des Rifugio genützt. Wir werden dennoch mit heißem Tee, kaltem Bier und Schokolade versorgt.

Nach einer guten Stunde hat es aufgehört zu regnen. Wir wählen nach einer kurzen Lagebesprechung mit den Wirtsleuten nicht den sicherlich extrem dreckigen Singletrail nach Madonna, sondern die Schotterstraße Richtung Folgarida. Nach einem langen Downhill erreichen wir das Rifugio Dimaro. Hier zweigt ein Waldweg ab, der in die Bundesstraße Richtung Madonna di Campiglio mündet. Obwohl der Weg keine Steigung aufweist, müssen wir die meiste Zeit schieben. Er ist von Kühen derart zerfurcht, daß wir teilweise durch knöcheltiefen Schlamm waten. Nach einer halben Stunde erreichen wir die Bundesstraße. Hier bin ich letzten Herbst schon mit dem Auto hochgefahren. Wir warten einige Minuten auf Andi und Michi Tinzl. Michi Mitsch fährt zurück, weil wir nicht wissen, was passiert ist. Andis Kette war kurz vor dem Reißen, so daß sie sie um 3 Glieder gekürzt und neu vernietet haben.

Nun liegen noch rund 100 Höhenmeter bis zum Passo Campo vor uns, von dem es dann noch 2 km bergab bis Madonna geht. Vom Paß hätte man einen herrlichen Blick auf den Passo Groste, über den ich vor zwei Jahren bei einer Alpenüberquerung mit Heli Obrecht gekommen bin. Weil ich letzten Herbst vergessen habe, ihn zu fotografieren, sage ich Peter, daß wir das heute nachholen müßten. Als wir oben sind, haben sich die Nebelwolken um den Brentapaß aber wieder verdichtet und ich komme auch heuer zu keinem Foto. Traurig rolle ich nach Madonna hinab. An der Hotelreservierungstafel wollen wir eine Unterkunft suchen. Ich versuche bei vier Hotels einen Preisnachlaß auszuhandeln. Zu meiner Verwunderung funktioniert das hier nicht. Wir entscheiden uns dann für ein Dreisternhotel. Zur Abwechslung gehen wir heute wieder einmal in eine Pizzeria. Beim Essen besprechen wir nochmals den Verlauf der heutigen Etappe. Den Expeditionscharakter dieser Erstbefahrung kann man nicht leugnen. Das gewichtigste Urteil kommt aber von Peter. Und der sagt, es habe sich gelohnt.

7. Tag: Madonna di Campiglio - Passo Breg`n del Ors - Lago di Garda, 1.500 Hm, 80 km

Die heutige Schlußetappe führt uns über den Passo Breg`n del Ors bis zum Gardasee. Dazu müssen wir kurz hinter Madonna ins Val Agola abbiegen. Vor zwei Jahren habe ich mit Heli Obrecht die Abzweigung nicht gefunden und wir sind runter bis Pinzolo. Diesmal klappt es hervorragend. Über eine lange Forststraßenabfahrt erreichen wir das Val Agola, durch das eine Forststraße bis zum Lago Val Agola auf 1.800 Meter ansteigt. Die Neigung der Straße ist aber erträglich. Zudem sorgen die Wolken noch für angenehme Kühle. Dieser Umstand läßt aber mein Herz bluten. Das dichte Wolkenband verhüllt die imposanten Brentaspitzen, wie Cima Valon, Cima Tosa und Cima Brenta. Dies schmerzt mich deshalb besonders, weil das Brentamassiv die schönste Bergkette ist, die ich kenne. So treten wir, jeder sein Tempo, die Forststraße ohne faszinierenden Ausblick hoch. Nach einigen Kilometern hat Michi Mitsch einen Platten. Michi Tinzl wechselt ihm den Schlauch. Wie es die feine englische Art erfordert, fährt ihm Michi Mitsch dann auf und davon, so daß er die letzten Kilometer zum See alleine hochtreten muß.

Der Lago Val Agola liegt zwischen den Brentabergen eingebettet wie der Lago di Tovel auf der gegenüberliegenden Seite des Bergmassivs. Am Ufer des Sees führt ein gut fahrbarer, erodierter Weg entlang. Hinter dem See beginnt die Schiebestrecke. Dabei machen wir eine interessante Entdeckung. Der Waldweg ist übersät mit winzigen, schwarzen Fröschen, die erst vor ein oder zwei Tagen geschlüpft sein dürften. Man weiß kaum, wo man hinsteigen soll, um nicht einigen dieser kleinen Tiere schon nach kurzer Zeit die Chance auf ein genußvolles Leben in dieser einzigartigen Landschaft des Naturparks Adamello-Brenta zu nehmen. Äußerst vorsichtig schieben wir weiter. Nun müssen wir uns öfter neu orientieren, weil die Streckenführung über den Passo Bregn´del Ors kompliziert sein dürfte. Wir schieben einen Wiesenweg hoch und erreichen nach ca. 200 Höhenmeter den Paß. Dort ziehen wir uns um und essen eine Kleinigkeit. Am Paß befindet sich eine kleine Kapelle, in der es sich Peter gemütlich macht. Vor dem Aufbruch beratschlagen wir einige Minuten über die weitere Routenwahl. Das war aber offensichtlich doch zu wenig.

Wir entscheiden uns für die laut Karte eindeutige Route bergab. Nachdem wir ca. 250 Höhenmeter den Berg Richtung Pinzolo runtergerollt sind, stellen wir fest, daß dies doch nicht ganz stimmen kann. Michi Tinzl und Peter probieren einen ungefähr in die richtige Richtung führenden Weg aus und entdecken nach einigen hundert Metern ein Schild, das einen Wanderweg Richtung Malga Movlina weist. Da wir dort wieder auf dem richtigen Weg wären, schieben wir die 250 Meter auf diesem Weg hoch. Damit haben wir heute schon einiges zu Fuß zurückgelegt. Oben an der Malga angelangt sehen wir die schöne Abfahrt, die uns entgangen ist. Immerhin war dies aber erst der erste Navigationsfehler innerhalb von sieben Tagen, was keinesfalls eine schlechte Quote darstellt.

Ab nun geht‘s fast 25 Kilometer auf Schotter bergab bis zur Bundesstraße. Bevor wir die Asphaltstraße nach Stenico erreichen, bremsen wir beim Rifugio Brenta ab um Spaghetti zu essen und eine guten Rotwein zu trinken. Ab der Einmündung an die Bundesstraße sind es nur mehr wenige Kilometer bis Stenico. Wir wollen auf der Straße bis Riva rollen. Von Stenico haben wir noch 25 Kilometer und 500 Höhenmeter zu bewältigen. Vorerst gehts noch runter bis Ponte Arche auf 400 Meter. Hier ist es schon ordentlich heiß. Aus den letzten, langen und zähen Höhenmetern machen wir noch ein internes Rennen, um die Hackordnung nochmals festzulegen. Dabei rinnt der Schweiß in Strömen. Vor der Abfahrt warten wir natürlich zusammen. Ab jetzt gehts nur mehr bergab bis Riva. Nach einigen Kilometern erreichen wir den Tennosee.

Er schimmert intensiv smaragdgrün in der Nachmittagssonne und scheint uns zum letzten Bad unserer Tour aufzufordern. Wir biegen ab zum See, ziehen uns aus und springen kopfüber ins Kühlung versprechende Wasser. Sogar Michi Mitsch, der zuviel Nässe gegenüber ansonsten eher abgeneigt scheint, kann sich der Anziehungskraft des See´s nicht entziehen. Wir sitzen einige Zeit am Ufer und lassen uns von der Sonne trocknen. Ein wenig Wehmut begleitet meine Gedanken, geht doch wieder eine tolle Alpenüberquerung zu Ende.

Beim Downhill nach Riva scheint jeder zurückgelegte Kilometer ein Grad Celsius mehr zu bedeuten. Zum zweiten Mal rolle ich nun am Ende einer Transalp von Tenno runter, den Gardasee dabei immer im Blickfeld. Auch heute ist es ein erhebendes Gefühl, die geplanten Etappen in der vorgesehenen Zeit absolviert zu haben. Kurz vor Riva trennen wir uns. Während die anderen zum Campingplatz nach Arco fahren, rolle ich noch nach Riva hinein. Heute war nämlich der Zieleinlauf der Transalp-Challenge, ein siebentägiges Etappenrennen über die Alpen. Nach einem kurzen Bummel durchs Zielgelände mache ich auf der Geraden nach Arco noch mal ordentlich Tempo. In Arco warten bereits Gabi Socher und Martina Tinzl mit Kindern und Campingbussen. Wir springen noch alle in den Pool des Campingplatzes. Wieder einmal endet eine Alpenüberquerung mit einem Abendessen im Restaurant Alla lega in Arco. Da wir morgen keine vollen Kohlehydratspeicher mehr benötigen, gönne ich mir eine Lachsforelle. Dabei lasse ich das Erlebte gedanklich nochmal Revue passieren. Eine Transalp ist für mich jedesmal ein grandioses Erlebnis. Ich bin dankbar, daß ich das bei bester Gesundheit machen darf. Heuer war die Anstrengung erträglicher, der Erlebniswert aber jedenfalls konkurrenzfähig. Ein Team mit toller Kameradschaft und viel Spaß am Geschehen, dazu die wohl spektakulärste Landschaft meiner bisherigen Routen.

Andreas Kronabitleitner

Höhenmeter gesamt: 11.015, Kilometer gesamt: 368